Pressestimmen

«Robert Lehmeiers Tableau zeigt eine Gesellschaft ohne Liebe, ohne Empathie und Utopie. Es gibt für niemanden ein Entkommen, die abrupten Sprünge der Handlung meisterten der Regisseur und sein Ausstatter Mathias Rümmler in einem gleichbleibenden und dennoch variablen Bühnenbild. Bei der Umsetzung der Geschichte […] konnte sich Lehmeier ganz auf sein homogenes Ensemble verlassen. Filippo Bettoschi verlieh dem von Wahnvorstellungen geplagten Wozzeck auch schauspielerisch klare Konturen, als Marie stand ihm Gast Inga-Britt Andersson in nichts nach. Leo Yeun-Ku Chu (Hauptmann), Tobias Haaks (Andres) und Thomas Burger (Doktor) überzeugten in ihren Rollen, Henryk Böhm gab mit roten Stiefeln an den Händen einen markant männlichen Tambourmajor. Ein Höhepunkt dann das von Carolin Löffler gesungene und von einer alten Frau (Rietje Riediger-van Overbeeke) soufflierte Märchen vom Waisenkind. […] Ein Extralob verdiente sich der von Jens Olaf Buhrow geleitete Opernchor, der sehr beweglich für starke Bilder sorgte. […] Das von Marc Niemann dirigierte Philharmonische Orchester gestaltete die reduzierte Komposition hoch konzentriert und durchweg ausdrucksstark. […] Der Bremerhavener Wozzeck ist keine leichte Kost, aber ohne Frage ein Theatererlebnis.»
(Nordsee-Zeitung, 07.03.2016, Ulrich Müller)

"Generalmusikdirektor Marc Niemann und das zumeist hervorragend spielende Philharmonische Orchester Bremerhaven verzichteten nicht auf klangliche Schärfe und in den vielen filigranen Passagen auf rhythmische Präzision […]. Mit Filippo Bettoschi besitzt das Stadttheater einen engagiert spielenden, ausdrucksstarken Bariton im Ensemble, der dem Wozzeck-Ideal nahe kam und uns dessen Schicksal glaubhaft verdeutlichte. Spannend gerieten die Begegnungen Wozzecks mit dem Hauptmann, da Leo Yeun-Ku Chu diese Figur mit einem ungewöhnlich klangvollen Bass sang. Henryk Böhm (Tambourmajor), Tobias Haaks (Andres) und Thomas Burger (Doktor, Jude) setzten in ihren eher kurzen Auftritten ebenso Akzente wie Carolin Löffler als Margaret. Inga-Britt Andersson realisierte szenisch und stimmlich gekonnt Maries konfuses Gefühlsleben. Sie scheute sich nicht, ihren schönen Sopran über dramatischen Ausdruck bis zum hochdramatischen Schrei zu führen. […]  Mit der konzeptionellen Entscheidung, dass das gemeinsame Kind von Wozzeck und Marie behindert ist, deutet Lehmeier die Probleme des Paares auf einer überraschenden Ebene an. Das Leben mit Wozzeck und dem behinderten Kind hat aus Marie eine Frau mit Sehnsüchten gemacht, die oberflächlich der Tambourmajor mit seiner sexuellen Hyperaktivität lösen kann, doch endgültig nur der Tod. Eine spannende Entwicklung, die Ausstatter Mathias Rümmler auf der sich zumeist unentwegt kreisenden Drehbühne in starke Bilder mit karger Bierzeltatmosphäre gesetzt hat. Fazit: Bergs «Wozzeck» ist existenzieller, größer, schillernder und komplexer, Gurlitts «Wozzeck» zeigt uns das Drama von einer anderen, ebenfalls erlebenswerten Seite."
(Weser Kurier, 07.03.2016, Markus Wilks)

"Mit Filippo Bettoschi steht für die Titelpartie ein Sänger zur Verfügung, der mit expressiv geführtem Bariton und mit darstellerischer Intensität alle seelischen Verwerfungen Wozzecks in jeder Nuance beklemmend verdeutlicht. Inga-Britt Andersson ist eine Marie voller Lebenshunger, kokett und verzweifelt zugleich. Mit ihrem strahlkräftigen Sopran meistert sie ihre Partie bis in die extremsten Höhen sehr souverän. Wie immer bereitet Leo Yeun-Ku Chu mit seinem fülligen Bass uneingeschränkte Freude, hier verkörpert er den Hauptmann mit satter Präsenz. [...] So sorgfältig und klanglich abgestuft, wie das Orchester die Feinheiten der Partitur umsetzt, bleibt kein Wunsch offen. Besonders die erschütternde Schlussmusik hinterlässt einen tiefen Eindruck."
(Kreiszeitung, 15.03.2016)

"Lehmeier fokussiert nicht auf den Hintergrund, sondern holt seine Sänger an die Rampe, um hier Büchners Text zu verhandeln, Demütigungen, Betrug und Hoffnung. Der Rest dreht sich tatsächlich im Hintergrund, das Panoptikum einer ignoranten unempathischen Gesellschaft aus Werder-Fans, Schönheitsköniginnen, Kellnern und Majoren. [...] Filippo Bettoschi gibt einen Gurlitt-Wozzeck, dem man seine Verzweiflung abnimmt, der einen mitnimmt in die Spirale des Abgrundes, dessen Ton vielleicht nicht überwältigend groß, aber immer erzählerisch, psychologisch und interpretierend ist. [...] Bemerkenswert, Bremerhavens Marie (Inga-Britt Andersson), die nicht nur spielfreudig agiert, sondern Gurlitts Vokal-Experimenten eine kräftige Stimme verleiht, die exponiert und innerlich klingen kann und damit zum eigentlichen Zentrum der Aufführung wird."
(crescendo, 7.3.2016, Axel Brüggemann)