Vier Personen stehen vor einem Gerüst. Sie lachen.

Der Revisor

von Nikolai Gogol / bearbeitet von John von Düffel / nach einer Rohübersetzung von Natascha Görde

PREMIERE 5. Juni 2026 // Sommerbühne vor dem Stadttheater Bremerhaven

VORSTELLUNGSDAUER ca. 2 Stunden, 20 Minuten / eine Pause nach dem dritten Akt

Vorstellungstermine

19.06.2026 um 20:00 Uhr Karten
20.06.2026 um 20:00 Uhr Karten
21.06.2026 um 18:00 Uhr Karten
25.06.2026 um 20:00 Uhr Karten
26.06.2026 um 20:00 Uhr Karten
27.06.2026 um 20:00 Uhr Karten
28.06.2026 um 18:00 Uhr KartenZum Letzen Mal

In einer Provinzstadt, in der vom Stadthauptmann über die lokalen Wirtschaftsgrößen und Beamten bis hin zu den feinen Damen der Gesellschaft alle in die eigene Tasche wirtschaften, wird per Brief aus der Hauptstadt ein Revisor angekündigt, der die Geschäfte durchleuchten soll. Und als zwei Gutsbesitzer dem Hauptmann erzählen, dass im besten Hotel am Platz seit zwei Wochen ein Unbekannter logiert, der noch keine Rechnung bezahlt hat, sind sich alle einig: Das muss der Revisor sein. Und ab jetzt gilt es, diesen auf die eigene Seite zu ziehen, damit sein Bericht in der Hauptstadt positiv ausfällt. Dumm ist nur, dass der gar kein Revisor ist, aber seinerseits schnell erkennt, dass er die falsche Rolle nur mitspielen muss, um Kasse zu machen.
In Gogols Komödie begegnen wir korrupten Schlitzohren, die allesamt auf ihren persönlichen Vorteil schielen und lügen, dass sich die Balken biegen. Dass sie dabei mal mehr und mal weniger liebenswert daherkommen, liegt in der Natur der Sache. Und dass wir uns in ihnen wiedererkennen, ist genau die Absicht des Autors

INSZENIERUNG Tim Egloff
BÜHNE Jeremias Böttcher
KOSTÜME Mascha Schubert
DRAMATURGIE Peter Hilton Fliegel 
LICHT Frauke Richter

 

CHLESTAKOW Julia Lindhorst-Apfelthaler
OSSIP (sein Diener) Leon Häder
DER STADTHAUPTMANN Frank Auerbach, Axel Holst (11./12./14.06.)
ANNA ANDREJEWNA (seine Frau) Angelika Hofstetter
MARJA ANTONOWNA (seine Tochter) Ümran Algün
DOBTSCHINSKI / FILIP FILIPPOWITSCH / POSTMEISTER Marc Vinzing
BOBTSCHINSKI / FJODOR FJODOROWITSCH / LUKA LUKITSCH Henning Z Bäcker

 

REGIEASSISTENZ Finn Lorenzen
INSPIZIENZ Regina Wittmar
SOUFFLAGE Lea Beckmann

Der Revisor

von Nikolai Gogol / bearbeitet von John von Düffel

Entstehung und Uraufführung

In Beichte eines Autors behauptet Gogol 1847, dass die Idee zum Revisor von Puschkin stammt. Ob das wirklich stimmt, weiß man nicht. Sicher ist, dass er den Freund am 7. Oktober 1835 in einem Brief um Hilfe bittet: «Ich sitze ohne Geld da, ganz und gar ohne alle Mittel. Seien Sie so freundlich, geben Sie mir irgendein Sujet, mag es ein komisches sein oder auch nicht, jedenfalls aber eine echt russische Anekdote. In einem Zuge schreibe ich eine Komödie, und ich schwöre, sie wird ganz teuflisch komisch sein.» Übrigens schreibt im vierten Akt der falsche Revisor Chlestakow einen Brief an einen befreundeten Schriftsteller und schildert ihm die Einwohner des Städtchens in bunten Farben und sagt voraus, dass er großen Erfolg haben werde, wenn er daraus eine Geschichte macht.

In den folgenden zwei Monaten nach dem Brief entstehen die erste und die zweite Fassung des Revisors, Gogol gibt die Komödie zum Abschreiben frei und liest sie am 18. Januar 1936 im Haus des Dichters Schukowski im kleinen Kreis vor. Und jetzt beginnt, was mit dem Revisor in Zukunft noch oft passieren wird: Die Reaktionen sind gemischt und Gogols Fazit lautet, «die Komödie ist fertig, aber wie ich jetzt gesehen habe, muss ich unbedingt einige Szenen umarbeiten». 
Gogols erklärtes Ziel, das Publikum zum Lachen zu bringen, erreicht er nur zum Teil. Immer wirft das Stück auch Fragen auf und stößt teilweise auf Ablehnung. So auch bei der Zensur, die das Stück zurückweist.

Unter Zar Nikolai I. steht das Theaterleben unter strenger Aufsicht. 1833 erlässt er eine neue Doktrin, die von Gogol und anderen Autoren sogar begrüßt wird, und in der festgehalten ist, dass «jede kritische Wendung gegen die Autokratie» sowie die «Darstellung russischer Missstände» unerwünscht sei und als Mangel an Patriotismus und Volksverbundenheit wahrgenommen werde, der zu bestrafen sei.
Nun ist es eine russische Besonderheit bzw. ein Zeichen autokratischer Systeme, dass untere Behörden aus Angst, in Ungnade zu fallen, oft strenger urteilen als der Herrscher selbst. Und da Gogol im Revisor vor allem die Korruption der einfachen Beamten in der Provinz aufs Korn nimmt, ist es nicht überraschend, dass die unterste Zensurbehörde das Stück verbietet. Als die Kreise um Schukowski (der übrigens Hauslehrer des Zarensohns Alexander ist), denen Gogol das Stück vorgelesen hatte, davon erfahren, wenden sie sich an die 1826 gegründete «III. Abteilung Seiner Majestät höchsteigenen Kanzlei», die direkt Nikolai I. untersteht. Der Zar lässt sich das Stück vorlesen und ist begeistert, wobei sicher hilfreich ist, dass zum einen nur ungebildete Provinzbewohner veralbert und zum anderen zwei den Zaren direkt betreffende Themen und damit potenzielle Problemfelder, die Kirche und das Militär, im Revisor ausgelassen werden. So kann der Zar das Stück als harmlose Unterhaltung begreifen und die Ankündigung des echten Revisors am Ende des Stücks, lässt sich als Wiederherstellung der durch ihn verkörperten Ordnung lesen.

Und so erhält der Revisor am 2. März die Zensurgenehmigung und erlebt am 19. April 1836 im Petersburger Alexandrinski-Theater seine Uraufführung, die nicht zuletzt wegen der Zwischenakte mit Ballett volle vier Stunden dauert und die «bemerkenswerteste Aufführung» sei, «die dieser Saal je erlebt» habe.

«Mein Geist und mein Magen 
– beide hungern.»

Nikolai Gogol, Brief an Puschkin

Um die Reaktionen des Publikums zu verstehen, muss man wissen, wie es sich zusammensetzt. Da ist einmal der Zar persönlich mit seinem engsten Kreis an Familie und Personal, dann, zum Teil vom Zaren herbeizitierte, Minister, hohe Beamte, Adlige und Petersburger «Intelligencija», und zum dritten einfaches Volk. Anfangs wird im ganzen Saal viel gelacht. Aber nach und nach macht sich zunehmendes Unverständnis breit und als das Stück zu Ende ist, schlägt die Stimmung «fast in allgemeine Entrüstung» um, wie Gutsbesitzer und Publizist Pawel Annenkow schreibt. Wie einseitig dieses Urteil ist, zeigt sich, wenn man genauer hinschaut. Das einfache Volk und der Zar sind begeistert, sie amüsieren sich während der ganzen Aufführung und applaudieren am Ende stürmisch. 

Empört sind die anwesenden Minister, Adligen und Beamten. Sie fühlen sich zurecht angesprochen und reagieren entsprechend. Zu erwähnen ist, dass im ersten Akt noch fast alle Zuschauer lachen, während ab dem zweiten Akt immer mehr Zuschauer darüber erschrecken, als sie erkennen, dass sie über sich selbst gelacht haben. In der Folge versuchen die verspotteten Beamten und Minister das Stück als Farce abzuqualifizieren. Der Versuch geht aber nicht auf. Die Farce ist damals in Russland zwar ausgesprochen beliebt, gilt aber mit ihrem derben Humor und ihren einfachen Mitteln als politisch harmlos und wird nicht als ernstzunehmende Kunstform betrachtet.

Zunächst eröffnet der Revisor die Möglichkeit, ihn so zu betrachten, doch je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr verweigert Gogols Text die gängigen Deutungsmuster. Geschickt bringt der Autor nach und nach einen durch Komik gebrochenen Ernst ins Spiel, dessen Bezug zur Wirklichkeit von immer weniger Zuschauern geleugnet werden kann. Die entrüsteten Beamten und Adligen äußern vehementes Unverständnis darüber, dass der Zar so ein Stück überhaupt zulassen konnte.

In der öffentlichen Rezeption wird das Stück zunächst auch nicht ernst genommen und nicht als Komödie angesehen. Trotzdem ist es äußerst beliebt, in den entsprechenden Kreisen. Das liegt hauptsächlich an der Bezugsgröße der vermeintlichen Verunglimpfung. Es liegt im Auge des Betrachters, ob Gogol Provinzbeamte, die gesamte Bürokratie oder gleich ganz Russland verspottet. So basiert das Lachen beim Betrachten des Stücks nicht nur auf persönlichem Geschmack, dem kulturellen Hintergrund und dem Wissen des Einzelnen, sondern ist auch durch seine jeweilige Position im persönlichen sozialen und beruflichen Umfeld beeinflusst.

Und Gogol selbst? Ist angespannt und unzufrieden. Sowohl mit den Schauspielern als auch mit den Kostümen und besonders mit den Reaktionen des Publikums. Als er am Ende mit den beiden Hauptdarstellern auf die Bühne gerufen wird, weigert er sich und verlässt aufgeregt das Theater. Bei einem Empfang danach wirft er das gedruckte Exemplar des Stücks, das man ihm überreicht, zu Boden und behauptet, dass alle über sein Stück geschimpft haben.

Dass längst nicht alle geschimpft haben, sieht Gogol am Abend der Premiere nicht, aus zwei Gründen. Zum einen kommt hier seine Selbststilisierung als «verkanntes Genie» zum Ausdruck, die in Verlauf seines Lebens immer stärker wird und sich in vielen Briefen wiederfindet. Zum anderen zeigt sich hier vermutlich auch die tiefsitzende Angst, künstlerisch und in der Folge auch ökonomisch zu versagen. Selbst 71 Aufführungen in Petersburg und ab Mai 1836 75 in Moskau können Gogol nicht umstimmen. Er lässt sich von den negativen Reaktionen viel mehr beeinflussen. Und so wird er sein Stück noch zahlreichen Umarbeitungen unterwerfen. Die Theater halten jedoch an der 1836 erschienen Fassung fest.

Bis heute ist Der Revisor mit seinem umfassenden Spott und der Abwesenheit einer komödientypischen Liebesgeschichte samt Happy End einzigartig. In diesem Stück taugt kein Charakter als Identifikationsfigur, bei genauem Hinsehen ist niemand so richtig sympathisch und es gibt kein Liebespaar. Und so steht am Ende als zentrale Aussage der Satz, den Gogol in einer späteren Fassung dem Stadthauptmann in den Mund gelegt hat: «Worüber lacht ihr denn? – Ihr lacht über euch selbst.»

Peter Hilton Fliegel

Der Autor

Nikolai W. Gogol wurde am 1. April 1809 in Sorotschynzi als Sohn eines ukrainischen Gutsbesitzers geboren. Nach dem Studium versuchte er sich kurze Zeit im Staatsdienst, danach als Geschichtslehrer an einer höheren Mädchenschule. Ab 1828 lebte er in St. Petersburg, wo er 1831 den großen Dichter Alexander Puschkin kennenlernte, der sein Freund und Förderer wurde und ihm auch eine Professorenstelle an der Universität verschaffte. Zwischen 1836 und 1848 folgten zahlreiche Reisen, die bis nach Rom und nach Palästina führten, überschattet von zunehmenden psychotischen Anfällen. Gogol starb am 4. März 1852 in Moskau. Bis heute gilt er als Meister der Groteske und Satire, als Sprachvirtuose, der die russische Literatur zwischen Romantik und Realismus im 19. Jahrhundert prägte. Zur Weltliteratur zählen seine Petersburger Novellen, die Komödie Der Revisior und sein Roman Tote Seelen

Der Bearbeiter

John von Düffel, 1966 in Göttingen geboren, wuchs in Derry (Nordirland), Vermillion (South Dakota/USA) und diversen deutschen Städten auf. Er studierte Philosophie, Volkswirtschaft und Germanistik in Stirling (Schottland) und in Freiburg im Breisgau, wo er 1989 mit einer Arbeit über Erkenntnistheorie promovierte, und war anschließend Theaterkritiker. Seit 1991 arbeitet er als Autor und Dramaturg, zuerst am Theater der Altmark in Stendal (1991 bis 1993), danach am Staatstheater Oldenburg (1993 bis 1996), Theater Basel (1996 bis 1998), Schauspiel Bonn (1998 bis 2000), Thalia Theater Hamburg (2000 bis 2009) und am Deutschen Theater Berlin (2009 bis 2023). Nach Gast- und Poetik-Professuren an mehreren Universitäten ist er seit 2014 Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Im Herbst 2025 übernimmt er die Intendanz am ETA Hoffmann Theater, Bamberg.
Neben Theaterstücken und Bearbeitungen hat John von Düffel außerdem Romane, Essays, Hörspiele und Übersetzungen veröffentlicht.

«Aus, ich bin erledigt! Total erledigt! 
Mir ist schwindlig! Ich sehe keine Gesichter mehr, nur noch Schweine, lauter Schweine um mich herum. 
– Bringt mir diesen Mann, diesen Revisor, tot oder lebendig! Sofort!»

Stadthauptmann in «Der Revisor»

Impressum

HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 26
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Peter Hilton Fliegel
SATZ Nathalie Langmaack 

QUELLEN
Der Revisor von Nikolaj Gogol, bearbeitet von John von Düffel nach einer Rohübersetzung von Natascha Görde; Rowohlt Theater Verlag, Hamburg
Der Revisor oder Auf der Suche nach dem «eigentlichen» Gogol von Monique Heße; https://www.cultiv.net/cultranet/1441028858Bachlorarbeit_Hesse_2015.pdf 
Michael Wegner (Hrsg.): Nikolai Gogol. Gesammelte Werke in Einzelbänden, Bd3., Aufsätze und Briefe, Berlin und Weimar 1977, S. 480f
https://www.dtv.de/autor/nikolai-gogol-6177 
https://www.rowohlt-theaterverlag.de/autor/john-von-dueffel-104

Die Texte und Zitate wurden zum Teil redaktionell gekürzt oder bearbeitet. Urheber:innen, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.

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Besetzung

Ein Mikrofon mit Popschutz.

Prolog

Kurzeinführung zum Stück

Prolog

Kurzeinführung zum Stück

Einleitung zum Stück als Audio-Datei

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