Agatha Christie
Agatha Christie wurde 1890 in Torquay, Devon, in Südengland geboren. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr wurde sie von ihrer Mutter zu Hause unterrichtet und entdeckte früh ihre Liebe zum Schreiben. Später begann sie ein Studium der Musik in Paris, brach es aber zu Beginn des Ersten Weltkrieges ab und arbeitete dann als Krankenschwester beim Britischen Roten Kreuz im Krankenhaus. 1914 heiratete sie Archibald Christie, einen Offizier der britischen Luftwaffe. Mit ihm bekam sie 1919 eine Tochter. 1928 ließ sie sich von ihm scheiden. Nach der Scheidung reiste sie allein mit dem Orient Express in den Nahen Osten und lernte dort das Archäologenpaar Leonard und Katharine Woolley kennen, die Christie einluden, sie erneut zu besuchen. Der Einladung folgte sie 1930 und lernte auf dieser Reise den Archäologen Max Edgar Lucien Mallowan, in den sie sich verliebte. Christie und Mallowan heirateten noch im gleichen Jahr. Mit ihm reiste sie viel im Nordirak und in Nordsyrien, begleitete ihn bei seinen Expeditionen und wertete gemeinsam mit ihm Forschungsdaten aus. Später, während des Zweiten Weltkrieges, arbeitete sie dann als Apothekerin im Universitätskrankenhaus in London und lernte viel über Gifte.
Englischer Kinderreim«Drei kleine blinde Mäuselein suchen Speck im Kämmerlein.
Die Bäuerin hackt den Mäuslein
– Schnapp –
Das Schwänzlein ab!»
Während ihrer Arbeit, Reisen und Expeditionen begleitete sie immer das Schreiben. Sie sagte einmal über sich selbst, dass sie es als eine Art Kompensation für das gesellschaftliche Gespräch nutze. Unter Menschen empfand sie sich selbst nie als kommunikativ und redegewandt, beim Schreiben aber fand sie die richtigen Worte. 1920 erschien ihr erster Kriminalroman Das fehlende Glied in der Kette mit dem bis heute bekannten Protagonisten, dem belgischen Detektiv Hercule Poirot. Mitte der 1920er Jahre wurde dann der Roman Alibi veröffentlicht, welcher Christie zu schlagartigem Ruhm verhalf. In den 1930er Jahren schrieb sie den Roman Mord im Pfarrhaus und erschuf Miss Marple. Ihre beiden Charaktere Hercule Poirot und Miss Marple begleiteten Agatha Christie bis zu ihrem Tod. Denn als sie wusste, dass sie sterben würde, ließ sie auch ihre beiden berühmten Figuren sterben. Christies Werk umfasst über 60 Kriminalromane, zahlreiche Kurzgeschichten, mehrere Lyriksammlungen und über 20 Bühnenstücke. Ihre Werke wurden in rund 100 Sprachen übersetzt, womit sie zu den meistübersetzten Autorinnen weltweit zählt.
Agatha Christie starb 1976 in Wallingford in England im Alter von 86 Jahren und ist bis heute die unsterbliche Queen of Crime.
Die Mausefalle
Mollie und Giles Ralston eröffnen ohne Erfahrung im Hotelbetrieb die Pension Monkswell Manor. Am Tag der Eröffnung herrschen nicht die besten Wetterbedingungen, denn es schneit so sehr, dass die beiden mit dem Heizen des alten Hauses kaum hinterherkommen. Trotz der besonderen Wetterverhältnisse, die die Anreise erschweren, treffen nach und nach die etwas merkwürdigen Gäste ein: der skurrile Christopher Wren, die arrogante Mrs. Boyle, der schneidige Major Metcalf, die geheimnisvolle Miss Casewell und der rüpelhafte Mr. Paravicini. Das Eintreffen der Besucher sorgt direkt für Unruhe: Wer bekommt welches Zimmer und reichen die Vorräte aus? Nachdem die Gäste versorgt sind, sorgt ein Telefonanruf für weitere Unruhe: Ein Polizist wird angekündigt und taucht wenig später auf Skiern in der Pension auf. Detective Sergeant Trotter berichtet von einem Mord, der sich in London ereignet hat, und von einem Notizbuch, in dem die Adresse der Pension notiert ist und bei dem der Vermerk «Drei blinde Mäuse» steht. Daraus ergibt sich die Frage: Ist der Mörder etwa unter den Anwesenden?
Ursprünglich hatte Agatha Christie ein 30-minütiges Drama für den 80. Geburtstag von Queen Mary geschrieben, die sich dieses Stück zum Geburtstag gewünscht hatte. Das Stück wurde im Radio übertragen und trug zu diesem Zeitpunkt noch den Namen Drei blinde Mäuse – inspiriert von dem gleichnamigen Kinderlied. Einige Jahre später schrieb Christie das Stück weiter und entwickelte daraus ein Bühnenstück, inspiriert von Shakespeares Hamlet, in dem ein Theaterstück mit dem Namen Die Mausefalle aufgeführt wird.
Detective Sergeant Trotter«Sie sind in einen
Mordfall verwickelt,
vergessen Sie das nicht.
Mord ist kein Spaß und kein Spiel.»
Die Mausefalle ist das am längsten gespielte Theaterstück der Welt. Seit der Uraufführung im Oktober 1952 wird es, mit Ausnahme der Pandemiejahre, ununterbrochen gespielt. Es gibt seitdem nur wenige Veränderungen. Das achtköpfige Ensemble wird alle zehn Monate ausgetauscht, damit die Inszenierung lebendig bleibt. Nach jeder Aufführung wird an dem Brauch festgehalten, dass das Publikum im Anschluss darüber schweigt, wer der Mörder ist.
Agatha Christie selbst hätte nie gedacht, dass sich ihre Krimis über ihren Tod hinaus so großer Beliebtheit erfreuen. Über den Erfolg von Die Mausefalle sagte sie einmal, dass es natürlich Glück sei, aber dass es eben auch ein Stück für Jung und Alt sei – alle amüsieren sich. Peter Saunders, der in den 1970er Jahren zum Produktionsteam von Die Mausefalle gehörte, erklärte einmal, dass das Stück nicht nur eine gute Mischung aus Komödie und Drama sei, sondern auch ein Ratespiel für die ganze Familie.
Justine Wiechmann
Faszination: Krimi
Dass sich nicht nur Agatha Christies Detektivgeschichten großer Beliebtheit erfreuen, sondern Kriminalgeschichten im Allgemeinen, ist unumstritten. Man denke an Arthur Conan Doyle, der 1886 die Geschichten rund um Sherlock Holmes und Dr. Watson schuf, oder an Edgar Allan Poe, der 1841 die Kurzgeschichte Der Doppelmord in der Rue Morgue schrieb und damit das Paradebeispiel des im 19. Jahrhundert entstehenden Genres der Detektivgeschichte schuf. Immer wieder werden diese klassischen Kriminalgeschichten neu interpretiert und adaptiert. 2010 erschien die BBC-Serie Sherlock, die den Detektiv und seinen Freund in eine modernere Welt übersetzte. In der Filmreihe Knives Out, deren Teile 2019, 2022 und 2025 erschienen, wird erfolgreich der klassische Whodunit-Plot genutzt, den wir aus vertrauten Kriminalgeschichten kennen. Und sogar Computerspiele wurden auf der Basis von Agatha-Christie-Romanen in den 2000er-Jahren entwickelt.
«Ein Mord? Ich liebe Morde!»Christopher Wren
Bertholt Brecht hat sich in seinem Essay Über die Popularität des Kriminalromans von 1939 mit eben dieser Beliebtheit auseinander gesetzt und nennt verschiedene Kriterien, die den Kriminalroman erfolgreich machen. Für ihn ist klar: «Der Kriminalroman handelt vom logischen Denken und verlangt vom Leser logisches Denken. Er steht dem Kreuzworträtsel nahe, was das betrifft.» Spaß am Miträtseln & -raten ist also ein wichtiger Aspekt der Beliebtheit. Ebenso ist es die Tatsache, dass die Lesenden die gleichen Informationen erhalten wie die Figuren des Werkes, ein wichtiger Beliebtheitsfaktor. Der Rezipient ist Teil des Gesamtgefüges, ein Gefühl der Zugehörigkeit macht sich breit. «Der Leser wird nicht getäuscht, alles Material wird ihm unterbreitet, bevor der Detektiv das Rätsel löst. Er wird instand gesetzt, die Lösung selber in Angriff zu nehmen.» so Brecht. Außerdem ordnet er den Krimi keineswegs der Trivialliteratur zu, sondern beschreibt, dass die grauen Zellen während des Rätselns sehr wohl benutzt werden und es so regelrecht zu einem kognitiven Vergnügen wird. «Aber der intellektuelle Genuß kommt zustande bei der Denkaufgabe, die der Kriminalroman dem Detektiv und dem Leser stellt.»
Ein weiterer Aspekt der Beliebtheit von Krimis geht laut Brecht auf unseren eigenen Erfahrungsschatz zurück. Regelmäßig machen wir im Leben Erfahrungen mit Unglücksfällen und Katastrophen. Wir lesen davon in der Tageszeitung und sind permanent dabei zu analysieren, wie es zu diesen Ereignissen kommen konnte. Das Publikum ist gewissermaßen im Training, denn ihm sind Situationen vertraut, in denen es innere Zusammenhänge ergründen muss.
Justine Wiechmann
Detektivgeschichten
Einblick in einen Regelkatalog
«Im Detektivroman muss es ganz einfach eine Leiche geben, und je toter sie ist, desto besser. Ein kleineres Verbrechen als Mord reicht einfach nicht aus. Dreihundert Seiten sind zu viel Aufhebens für etwas Geringeres. Schließlich müssen des Lesers Mühe und Energieaufwand belohnt werden.»
«Die Mordmethode und die Mittel ihrer Aufdeckung müssen rational und wissenschaftlich sein. Pseudowissenschaft und rein imaginative oder spekulative Methoden können also im roman policier nicht geduldet werden. Wenn ein Autor sich erst einmal wie ein Jules Verne ins Reich der Phantasie begibt, befindet er sich außerhalb der Grenzen der Detektivliteratur und tummelt sich in den nicht erschlossenen Weiten des Abenteuers.»
«Niemals sollten der Detektiv selbst oder einer der Ermittlungsbeamten sich als der Missetäter herausstellen. So etwas ist bloße Betrügerei und steht auf einer Stufe mit dem Versuch, jemandem einen blanken Penny für ein goldenes Fünf-Dollarstück anzudrehen. Es ist Vorspiegelung falscher Tatsachen.»
S. S. Van Dine
Impressum
HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2026/2027, Nr. 4
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Justine Wiechmann
SATZ Nathalie Langmaack
QUELLEN
Brecht, Berthold, «Über die Popularität des Kriminalromans»; Van Dine, SS, «Zwanzig Regeln für das Schreiben von Detektivgeschichten»; Just, Klaus Günther, «Edgar Allan Poe und die Folgen»; in Jochen Vogt (Hrsg.): Der Kriminalroman – Zur Theorie und Geschichte einer Gattung, Wilhelm Fink Verlag, München 1971.
Arnold, Armin; Schmidt, Josef, «Reclams Kriminalromanführer», Reclam, Stuttgart 1978.
Pengler, Jochen, «Bühnenrekord für Agatha Christies Mousetrap», 25.11.2012 www.deutschlandfunkkultur.de/buehnenrekord-fuer-agatha-christies-mousetrap-100.html
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