Handlung
1. Akt
Mitten im bunten Treiben der feiernden Stadt ist Marie verzweifelt: Sie hat erfahren, dass ihre Eltern einen Heiratsvermittler engagiert haben. Ihrem heimlichen Geliebten Hans erzählt sie, dass noch am selben Tag der vorgesehene Bräutigam mit seinem Vater Micha kommen soll. Als Hans sich wenig entsetzt zeigt, wird Marie misstrauisch und vermutet eine Affäre. Um sie zu beruhigen, erzählt ihr Hans seine Vorgeschichte: von der Stiefmutter aus dem Haus geekelt, lebt er seither in der Fremde. Maries Eltern werden im Gespräch mit dem Heiratsvermittler Kezal von der Eignung des vorgesehenen Bräutigams Wenzel überzeugt. Als sie dazustößt, muss sie ihnen ihre Liebe zu Hans beichten.
2. Akt
Verkleidet trifft Marie den verängstigten Wenzel, der eingetroffen ist, um seine Braut kennenzulernen. Sie schürt seine Angst und beschreibt seine Zukünftige als grausame Fremdgängerin. Stattdessen schlägt sie ihm eine andere Frau vor. Zeitgleich treffen Hans und Kezal aufeinander. Kezal preist ihm eine Alternative an und überredet ihn dazu, gegen Geld auf Marie zu verzichten. Hans nimmt unter der Bedingung an, dass Marie nur den Sohn Michas heiraten darf. Entsetzt bezeugt die Gesellschaft den Handel.
3. Akt
Wenzel sorgt sich um sein Leben. Ein Wanderzirkus kündigt seine Vorstellung an. Tief beeindruckt und umschmeichelt von der Tänzerin Esmeralda lässt sich Wenzel als Tanzbär anheuern. Seinen Eltern gegenüber verweigert er die Heirat mit Marie. Als Maries Eltern ihr von Hans’ Deal erzählen, ist sie am Boden zerstört und trauert um ihre verlorengeglaubte Liebe. Wütend stößt sie Hans zurück, der ihr alles erklären will. Als Wenzel als Tanzbär maskiert auftaucht, überschlagen sich die Ereignisse – und was am Anfang wie Verrat aussah, hält plötzlich die einzige Lösung parat.
VERLIEBT, VERLOBT – VERKAUFT?
Über die Liebe und das liebe Geld
Liebesgeschichten können so schön sein. Vor allem, weil sie im richtigen Moment enden: Das Paar hat sich gefunden, die komplizierte Kennenlernphase überstanden und lebt von nun an glücklich bis ans Lebensende. Ob Rosemunde Pilcher, Disney oder Rom-Com – das Schema bleibt immer gleich. Anders in Die verkaufte Braut. Da beginnen beim vermeintlichen Happy End erst die Probleme: Während Marie und Hans sich ewige Treue schwören, vereinbaren die Väter im Hintergrund anderes. Über ihren Kopf wird Marie an den Sohn eines reichen Großgrundbesitzers vermittelt. Alles entscheidender Beweggrund: das Geld der designierten Schwiegerfamilie. Wie kann eine Liebe in einer Gesellschaft bestehen, in der einzig die ökonomischen Interessen von Bedeutung sind?
«Niemand zwingt ein starkes Herz»
In der Welt der Verkauften Braut entscheiden die Männer. Der Vater handelt eine finanziell vorteilhafte Ehe für seine Tochter aus, die die Familie vor dem Bankrott retten soll. Die leisen Einwände der Mutter werden ignoriert. Hans beherrscht die Handlungsmuster dieser Männerwelt und nutzt sie für seinen Plan. Das Paradoxe dabei ist: Um eine verbotene Liebe möglich zu machen, spielt auch er nach den Regeln der Gesellschaft. Und obwohl er die besten Absichten hat, reproduziert er so die patriarchalen Strukturen. Sein Alleingang beweist: Er denkt, dass er alle Fäden in den Händen halten muss, um zu erreichen, was er sich wünscht, und verkennt dabei Marie als eine ihm ebenbürtige Intrigantin.
Denn diese will sich von keinem Mann so einfach fremdbestimmen lassen. Statt sich zu beugen, begehrt Marie auf. Gleich zweimal wird sie im Stück verkauft – einmal von ihrem Vater und später von ihrem Geliebten. Dieser Degradierung zur verkaufbaren Ware setzt sie ihr aktives Handeln entgegen. Als der Vater sie vor vollendete Tatsachen stellen möchte, ersinnt sie eine Intrige, um den ungewollten Anwärter loszuwerden. Und als Hans dasselbe versucht, entscheidet sie sich aus Rache für seinen Rivalen. Das Happy End kommt ihretwegen zustande. Denn es benötigt auch ein starkes Herz, um zu verzeihen und weiterhin zu vertrauen.
«Die verkaufte Braut», 1. Akt«Lasst das Seufzen,
lasst das Klagen, nicht verzagen!
Liebe lehrt auch Leid ertragen,
alles, alles darf sie wagen.»
Keine Liebesheirat
Eine Liebesheirat war das Verhältnis zwischen Werk und Komponist nicht wirklich. Den Anfang nahm alles durch einen Streit zwischen Bedřich Smetana und dem tschechischen Politiker František Rieger 1865. Dieser behauptete, Smetana könne keine Oper im leichteren Stil über das Leben des tschechischen Volks schreiben und sei lediglich ein Nachahmer Wagners. Darüber zerstritten sich die beiden derart, dass sich Smetana in einer Art Trotzreaktion unmittelbar an die Arbeit machte, ihm das Gegenteil zu beweisen.
Zeit seines Lebens spielte Smetana die Bedeutung der Verkauften Braut herunter. Denn das Werk sollte lediglich der Anfangspunkt seiner Erarbeitung eines nationalen tschechischen Stils sein, den er mit seinen späteren Werken verfeinerte. Dass sich ausgerechnet Die verkaufte Braut zum Publikumsliebling entwickelte und seine anderen, von ihm höher geschätzten Opern überschattete, ärgerte Smetana. Am Festbankett, das anlässlich der 100. Aufführung am Prager Theater 1882 abgehalten wurde, zeigte er sich unangenehm berührt, wegen der privat entgegengebrachten Bewunderung eines Freundes sogar ungehalten: «Wenn Sie glauben, mir eine besondere Freude zu machen, wenn Sie die Verkaufte Braut so in den Himmel heben, irren Sie. Wenn ich Sie so reden höre, will es mir scheinen, dass Sie für meine anderen und besseren Opern kein Verständnis haben».
Vier Anläufe für ein Halleluja
Der Begeisterungssturm, den die Oper einmal auslösen sollte, ließ zunächst auf sich warten. Ihre endgültige Gestalt fand Die verkaufte Braut erst in der vierten Fassung, die am 25. September 1870 im Prager Interimstheater uraufgeführt wurde. Mit jeder Überarbeitung gewann die Oper an emotionaler Bandbreite. Auch musikalisch treffen private Gefühle und gesellschaftliche Ordnung aufeinander: Während Marie und Hans eigene lyrische Räume erhalten, kommentiert die Gemeinschaft das Geschehen in Chören und Tänzen. So fügte Smetana erst spät Maries berührende Arie «Der Liebestraum war wunderschön» aus dem 3. Akt ein. In dieser Arie trauert sie um ihre verlorengeglaubte Liebe und wird dabei vom Orchesterklang nicht nur gestützt, sondern regelrecht gehalten und umarmt. Aus den Holzbläsern erhebt sich die musikalische Erinnerung an das Liebesversprechen vom Beginn. Einen lebensbejahenden Gegenpol bilden die tschechischen Volkstänze Polka, Skočná und Furiant, die Smetana ebenfalls erst später ergänzte. Auch den Nebenfiguren verlieh er musikalisch feinsinnige Charakterbilder: Wenzel, der unsicher stotternde Anwärter, ist weit mehr als eine Witzfigur. Sobald er von der wahren Liebe singt und für einen Moment seine alles beherrschende Angst vergisst, findet er zu einer beinahe mühelosen Ausdrucksfähigkeit – und kann plötzlich sprechen, ohne zu stottern.
Bedřich Smetana, Festrede zur 100. Aufführung am Prager Theater, 5. Mai 1882«Die verkaufte Braut ist eigentlich
nur eine Spielerei, die ich mir
dereinst erlaubt habe.»
Ende gut, alles gut?
In der Inszenierung von Sebastian Kranner endet die Liebesgeschichte von Marie und Hans nicht mit den letzten Tönen der Oper, sondern wird weitergedacht: Was bedeutet es, ein ganzes Leben miteinander verbringen zu wollen? Welche Tragweite hat das Ehegelübde «In guten wie in schlechten Zeiten» in einer Welt mit zunehmender Bindungsunfähigkeit, maskiert von lockeren Beziehungsformen? Den Ausgangspunkt bilden die Erinnerungen einer gealterte Marie an die Liebesgeschichte ihrer Jugend. Rückblick und Realität stehen nebeneinander und bedingen sich gegenseitig. Einzelne Objekte lösen ihren Erinnerungsprozess aus. Das junge Paar erwacht vor ihren Augen wieder zum Leben.
Das Bühnenbild von Anna Kreinecker ermöglicht die räumliche Verschränkung von Damals und Heute. Zu Beginn befinden wir uns in der Wohnung des alten Paars: Die Tapete mit einem Muster aus den 60ern, alte Möbel, Andenken aus mehreren Jahrzehnten – man sieht, dass hier ein ganzes Leben verbracht worden ist. Doch der Raum ist nicht stabil. In den Momenten, in denen sich Marie die Erinnerung aufdrängt, verändert sich der Raum und offenbart wichtige Schauplätze ihrer Vergangenheit. So changiert das Bühnenbild zwischen der Sphäre des alten Paars und der Sphäre der Erinnerung.
Regisseur Sebastian Kranner«Wir nehmen das Jubiläum der Stadt auf und ziehen einen historischen Bogen über 200 Jahre.»
Durch die Kostüme von Anna Kreinecker und die Videoinstallationen von Elisabeth Pscheidl verweben sich die Erinnerungen von Marie und die der Stadt Bremerhaven miteinander. Die verschiedenen Kostüme des Chors spannen einen ästhetischen Bogen über die vergangenen 200 Jahre – von der Gründungszeit Bremerhavens über die Auswanderungswelle in den 1940ern bis ins Heute. Zusammen mit den Videoinstallationen, die die Stadt selbst in den Bühnenraum holen, wird Maries Liebesgeschichte zu einem Teil einer größeren Geschichte, die weit über ihr eigenes Leben hinausweist. Wo andere Liebesgeschichten mit dem Happy End schließen, beginnt diese Inszenierung erst: mit dem Leben danach.
Paula-Sophie Reif
Impressum
HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2026/2027, Nr. 8
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Paula-Sophie Reif
SATZ Nathalie Langmaack
QUELLEN
Bartoš, František: Smetana in Briefen und Erinnerungen. Prag 1954.
Březina, Aleš und Ivana Rentsch: Bedřich Smetana and European Opera. Würzburg 2024.
Gülke, Peter: Die Sprache der Musik. Essay zur Musik von Bach bis Holliger. Stuttgart 2001.
Löwenbach, Jan: Bedřich Smetana. A Study of His Life and Work. Rochester 2026.
St. Pierre, Kelly: Bedřich Smetana. Myth, Music and Propaganda. Rochester 2017.
Die Texte «Handlung» und «Verliebt, verlobt – verkauft?» von Paula-Sophie Reif sind Originalbeiträge für diesen Programmflyer.
Urheber:innen, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.
