Een Stünn Roh

von Florian Zeller / Deutsch von Annette und Paul Bäcker / Niederdeutsch von Kerstin Stölting

PREMIERE 17. Oktober 2026 // Kleines Haus

VORSTELLUNGSDAUER: ca. 1 Stunde, 50 Minuten // eine Pause nach ca. 50 Minuten

Vorstellungstermine

06.11.2026 um 19:30 Uhr Karten
08.11.2026 um 18:00 Uhr Karten
13.11.2026 um 19:30 Uhr Karten
15.11.2026 um 18:00 Uhr Karten
19.11.2026 um 19:30 Uhr Karten
26.11.2026 um 19:30 Uhr Karten
27.11.2026 um 19:30 Uhr Karten
29.11.2026 um 15:00 Uhr Karten
11.12.2026 um 19:30 Uhr Karten
12.12.2026 um 19:30 Uhr Karten
25.12.2026 um 19:30 Uhr Karten
30.12.2026 um 19:30 Uhr Karten
31.12.2026 um 19:00 Uhr Karten
10.01.2027 um 15:00 Uhr Vorverkauf ab: 03.11.2026, 12:00 UhrZum Letzen Mal

Michel findet auf einem Flohmarkt seine Lieblingsmusik aus der Jugendzeit wieder. Überglücklich stürmt er nach Hause, um sie sofort zu hören. Eine Stunde Zeit hat er, ehe sein bester Freund Peer zu Besuch kommt oder seine Frau ihn in ein dringendes Beziehungsgespräch verwickelt. Aber nicht nur Freund und Frau gönnen ihm diese «eine Stunde Ruhe» nicht, auch weitere Menschen, die ihm wichtig sind, hindern ihn am Hörgenuss. Es werden Geheimnisse aufgedeckt, der Bruch eines Abflussrohres in der Wohnung sorgt zusätzlich für Unfrieden mit dem Nachbarn. 
Eine turbulente Komödie, in der Michel im Chaos zurückbleibt und seine heißgeliebte Musik endlich allein hören kann.

Michel find op een Flohmarkt nah langen Sööken sien leevste Musik ut de Jugendtied wedder. Överglücklich loppt he nah Huus, wiel he de Musik glieks anhören will. Een Stünn Tied hett he noch, bevor sien beste Fründ Peer to Besöök kummt – or ehr sien Fro em in dat, wat se «een bannig nödig Beziehungs-Gespräch» nöömt, verwickelt. Man nich bloots Fründ un Fro günnt em disse „een Stünn Roh“ nich, ok ehr beste Fründin – gliektiedig «sien Leevste» –, sien Dochter, een Naver un een portugiesischen Klempner, de sik as Pole utgifft, maakt em den Hörgenuss kaputt. In de Familie un bi de Frünnen warrt Geheemnisse opdeckt un een kaputtet Aflooprohr in de Wohnung sorgt uk noch för Krach mit den Naver.
Dat is een wilde Komödie, in de Michel in’t blanke Chaos torüchblifft – un nu ennelk alleen is un sien leevste Musik hören kann.

INSZENIERUNG Guido Fuchs
BÜHNE Mathias Betyna
KOSTÜME Katharina Steinmetz
DRAMATURGIE Martin Kemner 
LICHT Frauke Richter

 

MICHEL (EHEMANN) Carsten Lappöhn
NATHALIE (EHEFRAU) Meike Wiemken
ELSA (FREUNDIN) Kerstin Wulf
PEER (FREUND) Hubert Stell
TOCHTER Verena Hoechst
LEO (KLEMPNER) Marc Köhler
PAVEL (NACHBAR) André Buchholz

 

INSPIZIENZ Brigitte Grahn
SOUFFLAGE Meike Kortmann, Giesela Peschties

Een Stünn Roh

Komödie von Florian Zeller

Inhalt

Michel kann sein Glück kaum fassen: Nach jahrelanger Suche hat der Jazzliebhaber auf einem Flohmarkt die legendäre, äußerst seltene Schallplatte Me, Myself and I gefunden. Sein Plan: die Nadel aufsetzen, sich zurücklehnen und eine Stunde lang ungestört Musik hören. Doch kaum ist er zu Hause, gerät der Vormittag aus den Fugen. Seine Frau drängt auf ein Beziehungsgespräch, sein bester Freund steht vor der Tür, seine Geliebte will ihr Gewissen erleichtern, und sein Sohn überrascht ihn mit neuen Lebensplänen. Zu allem Überfluss lässt ein Klempner auch noch das Abflussrohr kollabieren. Eine Katastrophe löst die nächste aus. Michel verteidigt seine ersehnte Ruhe mit immer neuen Lügen und Manipulationen. Doch je verzweifelter er versucht, die Menschen um sich zum Schweigen zu bringen, desto lauter drängen Geheimnisse und Konflikte ans Licht. Bald steht nicht nur die Wohnung unter Wasser, sondern Michels gesamtes Leben auf dem Kopf – und seine kostbare Platte hat noch immer keinen Ton von sich gegeben.

Autor

Florian Zeller wurde 1979 in Paris geboren und ist einer der meistaufgeführten zeitgenössischen französischen Dramatiker. Seine Kindheit war nicht unbedingt von einem starken kulturellen Einfluss geprägt: Sein Vater war Ingenieur, und seine Mutter legte gerne Tarotkarten. Zu Hause gab es nur wenige Bücher. Dennoch sagte Zeller einmal, dass Literatur und Kultur in seinem Leben stets präsent gewesen seien. Seine Mutter war eine sehr theatralische Person und brachte ihm auf andere Weise das fantasievolle Erzählen von Geschichten näher. Zeller schrieb zunächst Romane und wandte sich erst später dem Schreiben von Dramen zu. Zu seinen wichtigsten Werken zählen Der Vater, Der Sohn und Eine Stunde Ruhe. Alle drei Stücke wurden verfilmt, wobei Zeller bei Der Vater und Der Sohn zusätzlich die Regie übernahm. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Zeller lebt in Paris und ist dort am Institut d’études politiques de Paris als Professor für Literatur tätig.

DIE UNERHÖRTE STUNDE

Es gibt Musik, die nebenbei läuft. Und es gibt Musik, für die man die Tür abschließen, das Telefon ausstellen und die Welt für eine Weile zum Schweigen bringen möchte. Für Michel gehört Me, Myself and I zur zweiten Kategorie. Seit seiner Jugend schwärmt er für diese Platte und hat jahrelang nach ihr gesucht. Als er sie endlich auf einem Flohmarkt findet, hält er nicht nur ein seltenes Sammlerstück in den Händen. Die Musik verspricht ihm die Rückkehr in eine andere Zeit – und einen Moment, der nur ihm gehört. Schon das Auflegen einer Schallplatte ist dabei ein kleines Ritual. Man nimmt sie aus der Hülle, legt sie auf den Plattenteller und setzt vorsichtig die Nadel auf. Dann beginnt das leise Knistern, bevor der erste Ton erklingt. Sie lädt dazu ein, Platz zu nehmen und zuzuhören. Genau das hat Michel vor. Eine Stunde lang soll es nichts geben außer ihm und seiner Musik.

Der Wunsch ist leicht nachzuvollziehen. Ruhe ist kostbar geworden. Nachrichten treffen ein, Telefone klingeln, Menschen möchten Entscheidungen, Antworten oder Aufmerksamkeit. Selbst freie Zeit muss organisiert und gegen andere Ansprüche verteidigt werden. «Bitte nicht stören!» klingt deshalb längst nicht mehr unhöflich, sondern nach Selbstfürsorge. Wer hätte nicht schon einmal davon geträumt, für eine Weile unerreichbar zu sein? Doch Michel möchte nicht nur ungestört bleiben. Er erwartet, dass sein gesamtes Leben für ihn Pause macht. Seine Frau soll mit ihren Fragen warten, seine Geliebte mit ihrem Gewissen, sein Sohn mit seinen Plänen und sein Freund mit seinem Besuch. Während Michel seiner Jazzplatte lauschen möchte, werden die Stimmen der Menschen um ihn zu Störgeräuschen. Darin liegt die schöne Ironie von Florian Zellers Komödie: Ihr Held will unbedingt hören – aber niemandem zuhören.

Fast wirkt schon der Titel seiner heiß geliebten Platte wie eine kleine Selbstbeschreibung: Me, Myself and I. Michel kreist um sich, seine Wünsche und sein Recht auf diese eine Stunde. Die Störungen kommen keineswegs aus dem Nichts. Mit jeder Person, die das Wohnzimmer betritt, meldet sich ein Teil seines eigenen Lebens zurück. Beziehungen verlangen nach Klärung, Lügen nach neuen Lügen und verdrängte Konflikte nach Aufmerksamkeit. Das Chaos, vor dem Michel fliehen möchte, hat er zum großen Teil selbst erzeugt. Die Farce macht aus dieser Weigerung, zuzuhören, eine präzise gebaute Eskalationsmaschine. Jede Unterbrechung kommt im ungünstigsten Augenblick, jede Ausrede schafft sofort das nächste Problem. Türen öffnen sich, Menschen reden aneinander vorbei, Wahrheiten brechen hervor. Eine Stimme kommt zur anderen, bis der vermeintlich stille Vormittag in ein immer lauteres Durcheinander kippt. Schließlich hält selbst das Abflussrohr dem angesammelten Druck nicht mehr stand. Ausgerechnet der Raum, den Michel gegen die Außenwelt verteidigen will, wird zum Schauplatz seines Kontrollverlusts.

«Ik much blots in Roh mien Platte hören.»
Michel in «Een Stünn Roh»

Wir lachen darüber, weil uns sein Wunsch nicht fremd ist. Auch wir kennen Momente, in denen ein klingelndes Telefon, eine harmlose Frage oder ein gut gemeinter Besuch wie eine persönliche Zumutung erscheint. Der Rückzug kann notwendig sein. Aber was geschieht, wenn aus dem Bedürfnis nach Ruhe der Anspruch wird, dass alle anderen verstummen? Menschen besitzen nun einmal keinen Aus-Schalter. Wer mit ihnen lebt, lebt auch mit ihren Fragen, Bedürfnissen und überraschend schlechten Zeitpunkten. Vielleicht ist Ruhe deshalb mehr als die Abwesenheit von Geräuschen. Sie lässt sich nicht herstellen, indem man das Leben aussperrt und alle Stimmen zum Schweigen bringt. Denn irgendwann könnte Michels Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen: Niemand verlangt mehr etwas von ihm, niemand unterbricht ihn, niemand klopft an seine Tür. Dann wäre es endlich still. Die Frage ist nur, ob noch jemand da wäre, wenn der letzte Ton verklungen ist. Und vielleicht sind gerade jene Menschen, die uns am meisten stören, diejenigen, ohne die es plötzlich unerträglich ruhig würde.

INTERVIEW MIT GUIDO FUCHS

Wie bist du mit der Stadt Bremerhaven und dem Stadttheater verbunden?

Ich war von 1996 bis 2010, während der Intendanz von Peter Grisebach, Teil des Schauspielensembles des Stadttheaters Bremerhaven. Diese Stadt war lange mein Zuhause, und das Theater war wie eine Familie für mich. Es gab keinen Konkurrenzkampf, wir waren hier am Theater immer ein tolles Team. 2010 habe ich dann das Festengagement verlassen, und 2011 habe ich das Piccolo Haventheater gemeinsam mit Roberto Widmer gegründet – ein kleines Theater in der Alten Bürger. Ich hatte hier die Möglichkeit, etwas aufzubauen, und habe meinen Sohn in dieser Stadt großgezogen.

Du bist ausgebildeter Schauspieler. Was ist das Besondere am Regieführen für dich?

Wenn ich mit dem Team der Niederdeutschen Bühne Waterkant zusammenarbeite, interessiert mich vor allem die Arbeit mit Laien. Es ist immer wieder beeindruckend, mit wie viel Ehrgeiz sie dabei sind. Wenn ich ihnen Rückmeldungen gebe, gehen sie in sich, arbeiten an ihren Rollen und kommen bei der nächsten Probe mit einem Ergebnis zurück. Es macht großen Spaß, wenn man sieht, dass sich etwas entwickelt.

Was waren deine ersten Gedanken, als du das Stück Een Stünn Roh gelesen hast?

(lacht) Ich habe direkt ein Drittel herausgestrichen. Es ist tatsächlich nicht so einfach, den französischen Humor zu verstehen, deshalb habe ich mich Schritt für Schritt dem Text angenähert. Es ist irgendwie auch ein brutales Stück, weil man sich manchmal fragt, worüber wir Menschen eigentlich lachen. Wenn eine Person der anderen ins Auge sticht, dann finden wir das lustig, und gleichzeitig tut es uns auch leid. Die Hauptfigur Michel hat mich aber direkt interessiert – es ist eine Paraderolle für jeden Schauspieler. 

Was zeichnet die Figur Michel noch aus, und was macht sie für die Bühne interessant?

Er erinnert mich an Louis de Funès. Genau wie Funès muss er spielerisch mit seinen Problemen auf der Bühne umgehen. Es ist eine Herausforderung, weil es dynamisch gespielt werden muss und Michel fast durchgehend auf der Bühne ist. Die Figur bringt die Leute zum Lachen und erweckt gleichzeitig ein bisschen Mitleid.

Welche Figur ist neben der Hauptfigur noch besonders spannend?

Leo, der Klempner! Er macht im Stück die größte Entwicklung durch. Er hat immer nur kurze Momente auf der Bühne, aber die haben es in sich. Er wird im Laufe des Stückes immer verzweifelter, dreckiger und nasser. Leo ist eine sehr skurrile Figur, die in eine sehr eskalierende Situation auf der Bühne gerät.

Da braucht es sicher ein besonderes Bühnenbild. Wie entwickelst du die Idee dafür?

Ich entwickle die Idee gemeinsam mit meinem Bühnenbildner Mathias Betyna. Wir lesen das Stück und tauschen uns dann direkt aus. Während des Lesens kommen schon die ersten Gedanken und Ideen. Für Mathias ist es immer wichtig, von mir zu hören, wie ich das Stück auffasse. Daraus entwickelt er dann die Details für das Bühnenbildkonzept. Ihm ist es außerdem wichtig, vorher keine Filme oder Inszenierungen des Stückes anzuschauen, damit bei ihm komplett eigene Ideen entstehen können.

Wie sieht die Bühne schlussendlich aus, und was ist das Besondere daran?

Es ist ein kleiner Raum, der von Bohrlärm gestört wird. Nebenan wird gerade ein Kinderzimmer zu einem Arbeitszimmer umgebaut. Im Stück steht am Ende die ganze Wohnung unter Wasser – es tobt der Wahnsinn. Wir haben uns für eine große Schiebetür mit Glastüren entschieden, sodass man immer einen Blick auf die Baustelle im anderen Raum hat, selbst wenn die Tür geschlossen ist. Das Chaos lässt sich also nicht ganz ausblenden, und die Ruhe kehrt somit nie richtig ein.

Die Fragen stellte Justine Wiechmann.

Impressum

HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2026/2027, Nr. 7
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Justine Wiechmann, Markus Tatzig
SATZ Nathalie Langmaack 

QUELLEN
Die Texte «Inhalt» und «Die unerhörte Stunde» von Markus Tatzig sowie «Autor» und «Interview mit Guido Fuchs» von Justine Wiechmann sind Originalbeiträge für diesen Programmflyer.

Urheber:innen, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.

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