PROGRAMM
DARIUS MILHAUD (1892 – 1974)
La cheminée du roi René (1941)
Suite für Bläserquintett op. 205
Cortège
Aubade
Jongleurs
La Maousinglade
Joutes sur l’Arc
Chasse à Valabre
Madrigal nocturne
AUGUST KLUGHARDT (1847 – 1902)
Quintett C-Dur op. 79 (1901)
Allegro ma non troppo
Allegro vivace
Andante grazioso
Adagio – Allegro molto vivace
PAUSE
LUDWIG THUILLE (1861 – 1907)
Sextett für Klavier und Bläserquintett B-Dur op. 6 (1885)
Allegro moderato
Larghetto
Gavotte. Andante, quaso allegretto
Finale. Vivace
Zwischen Tradition und Aufbruch
Im Paris der Zwischenkriegszeit entstand eine französische Musik, die sich von der spätromantischen Schwere lösen wollte und mit ihrer Leichtigkeit weit ins 20. Jahrhundert hineinwirkte. Dies zeigt sich auch im umfangreichen Schaffen von Darius Milhaud (1892 – 1974), der mehr als 400 Werke in unterschied-lichsten Besetzungen komponierte. Der in der Provence geborene Komponist studierte Violine, Dirigieren und Komposition. Seine zahlreichen Reisen und Begegnungen mit unterschiedlichen Musikkulturen hinterließen deutliche Spuren in seinem Werk. Als Jude musste Milhaud zu Beginn des Zweiten Weltkriegs Frankreich verlassen. In Kalifornien fand er eine neue Wirkungsstätte als Lehrer, eine Tätigkeit, die er bis 1971 ausübte und später mit Lehrverpflichtungen in Frankreich verband. Das Bläserquintett La cheminée du roi René op. 205 entstand aus der Filmmusik zu Cavalcade d’amour (1939), einem Episodenfilm über unglückliche Liebesgeschichten aus verschiedenen Epochen. Bezugspunkt des Quintetts ist König René von Anjou (1409–1480), an dessen Hof in Aix-en-Provence Kunst und Wissenschaft blühten. Der Titel verweist auf die Welt des Königs René und auf die höfische Atmosphäre der Provence. Die siebensätzige Suite entfaltet eine Folge kurzer Charakterbilder: einen festlichen Einzug, ein Morgenständchen, das Spiel der Gaukler, eine idyllische Landschaft der Provence, ein Turnier am Fluss Arc sowie eine fröhliche Jagdgesellschaft. Den Abschluss bildet ein melancholisches Madrigal-Nocturne, das den ereignisreichen Tag stimmungsvoll ausklingen lässt. In dieser Folge von Miniaturen verbindet Milhaud historische Anspielungen mit einer leichten, farbenreichen Klangsprache.
August Klughardt (1847 – 1902) zählt zu jenen Komponisten wie Carl Reinecke oder Felix Draeseke, die heute weitgehend vergessen sind, zu Lebzeiten jedoch eine bedeutende Rolle im deutschen Musikleben spielten. Der in Dessau aufgewachsene Musiker studierte in Dresden und wirkte als Dirigent unter anderem in Neustrelitz, Posen und Lübeck. Während seiner Zeit als Musikdirektor in Weimar lernte er Franz Liszt kennen. 1882 kehrte er als Hofkapellmeister nach Dessau zurück, wo er auch Aufführungen von Wagners Ring leitete. Klughardt stand der von Liszt und Wagner geprägten Neudeutschen Schule nahe, bewahrte dabei jedoch stets eine eigene Handschrift. Von seinem umfangreichen Schaffen haben sich vor allem die Schilflieder und das Bläserquintett op. 79 im Repertoire gehalten. Das Quintett verbindet spätromantische Harmonik mit einer klaren, fast klassisch anmutenden Formgestaltung. Der erste Satz eröffnet mit choralartigen Akkorden, die von einer aus dem tiefen Fagottregister aufsteigenden Kantilene beantwortet werden. Daraus entwickelt sich das weitere musikalische Geschehen. Das folgende Allegro vivace erinnert mit seinen durch alle Stimmen huschenden Figurengirlanden an Mendelssohns Sommernachtstraum. Verträumt wandern im Andante grazioso kantable Linien durch die Stimmen. Im Finale kommt die Musik nach zwei zunächst zurückhaltenden, in strahlendem Dur aufgelösten Anläufen schließlich in Bewegung – mit virtuosem Laufwerk und großen Tuttiwirkungen, bis ein letztes Presto den Schlusspunkt setzt.
Ludwig Thuille (1861–1907) ist heute vor allem durch seine gemeinsam mit Rudolf Louis verfasste Harmonielehre bekannt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den einflussreichen Lehrwerken der Musiktheorie gehörte. Der aus Bozen stammende Komponist lernte während seiner Schulzeit den drei Jahre jüngeren Richard Strauss kennen. Beide verband eine lebenslange, wenn auch nicht immer spannungsfreie Freundschaft. Thuille studierte in München bei Josef Gabriel Rheinberger Orgel und Komposition. Bereits kurz nach seinem Abschluss erhielt er einen Lehrauftrag für Klavier und Komposition und wurde 1901 Nachfolger seines Lehrers am Münchner Konservatorium. Sein Sextett B-Dur op. 6 von 1885 entstand noch vor seiner späteren Annäherung an die Neudeutsche Schule und steht stilistisch eher in der Tradition von Schumann und Brahms. Gleich mitten hinein beginnt das Horn mit dem ersten Thema; weit ausgreifende Melodiebögen führen durch den Satz, vollgriffig vom Klavier unterstützt, dessen solistische Momente ebenfalls ausgiebig zur Geltung kommen. Einen würdevollen Ton schlägt der zweite Satz an, der erneut von Horn und Klavier begonnen wird. Die abgedunkelte, zurückgenommene Stimmung bleibt im weiteren Verlauf bestimmend. Ein Kabinettstück ist die Gavotte des dritten Satzes: Der tänzerisch-schreitende Beginn wird nur kurz von einem Hornsignal unterbrochen. Im Trio perlt das Klavier, von einem Orgelpunkt im Bass gehalten, bis eine Reminiszenz den Satz beschließt. Mit Esprit und klanglicher Brillanz findet das Sextett im Finale zu einem schwungvollen Abschluss.
Hermann Keßler
Impressum
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
Spielzeit 2026/2027
Redaktion: Hermann Keßler
Satz: Nathalie Langmaack
