PROGRAMM
JULIUS EICHBERG
5 Skizzen für Streichtrio op. 23
Allegro spiritoso
Andantino quasi allegretto
Waldnacht
Mährchen
Genuesisches Ständchen
GUSTAV MAHLER
Quartettsatz a-Moll für Klavier, Violine, Viola und Violoncello
Nicht zu schnell
Mit Leidenschaft
Entschlossen
PAUSE
JOHANNES BRAHMS
Klavierquartett Nr. 1 g-Moll op. 25
Allegro
Intermezzo: Allegro ma non troppo
Andante con moto
Rondo alla Zingarese. Presto
LEBENSWEGE
Julius Eichberg (1824–1893) ist einem großen Publikum kaum bekannt. Er wurde in Düsseldorf geboren, studierte zunächst in Würzburg, danach auf Empfehlung Felix Mendelssohn Bartholdys in Brüssel und gewann Preise in den Fächern Violine und Komposition. Eine Professur führte ihn nach Genf an das dortige Konservatorium. 1857 siedelte er in die USA über, zunächst nach New York, zwei Jahre später nach Boston. Dort leitete er Orchesterkonzerte, komponierte die ersten englisch-amerikanischen Operetten und wurde 1867 Gründungsdirektor des Bostoner Musikkonservatoriums, das schon damals keine Zulassungsbeschränkungen in Bezug auf Geschlecht und Herkunft kannte.
Seine 5 Skizzen, kurz vor seiner Abreise in die USA entstanden, beginnen mit energischem Vorwärtsdrang. Ein gelöstes Andantino folgt. Die nächsten drei Sätze sind klassische Charakterstücke. Die träumerische Waldandacht bietet jeder Stimme schöne, kantable Momente. Vom leichten Plauderton bis in geheimnisvollere Sphären reicht der Spannungsbogen im folgenden Märchen. Ungezwungen beginnt das Genuesische Ständchen, dessen leichte Stimmung mal tänzerische, mal nachdenkliche Episoden unterbrechen.
Gustav Mahler (1860–1911) war ein faszinierender Künstler, nicht nur als streitlustiger Direktor der Wiener Hofoper und unerbittlicher Orchesterleiter. Er war auch ein unermüdlicher kreativer Kopf, der mit seiner Musik gleich ganze Welten bauen wollte. Von seinen Jugendwerken ist kaum etwas erhalten, obwohl einige dieser Kompositionen preisgekrönt waren. Ob sie hätten zeigen könnten, wie Mahler zu dem Musiker wurde, der eine «Sinfonie der Tausend» schuf? Eine Ahnung liefert uns der erst in den 1970er Jahren im Druck erschienene Klavierquartettsatz a-Moll, einziges Überbleibsel seiner Jugendwerke. Dunkle Triolen des Klaviers grundieren den Satzbeginn und tragen unauffällig pulsierend die thematischen Einsätze der übrigen Instrumente mit dem nur aus drei Tönen bestehenden Anfangsmotiv. Diese aufsteigende Sexte, die um einen Ton zur Quinte abfällt, wird den ganzen Satz bestimmen. Man fühlt sich an Brahms, Schumann und Mendelssohn Bartholdy erinnert – auch wie dieses kurze Motiv immer wieder auftaucht, dann aber anders weitergedacht wird. Ein zweites Thema, unverkennbar in seiner fallenden Linie, wird eingeführt, im weiteren Verlauf mit dem vorangegangenen Motiv kombiniert, variiert und verdichtet, bis zu einer freien Kadenz der ersten Violine, nach der die Musik über einem grummelnden Orgelpunkt des Klaviers erlischt.
Johannes Brahms (1833–1897) lernte mit Anfang 20 Clara und Robert Schumann kennen. Robert verfasste 1853 einen prophetischen Artikel mit der Überschrift Neue Bahnen, der euphorisch das Talent des jungen Pianisten und Komponisten beschwört. Dieser Wertschätzung gerecht zu werden, war für Brahms nicht immer leicht. Mehr als 20 Streichquartette soll er verworfen haben, bevor er sich mit den Klavierquartetten an die Öffentlichkeit wagte. Mit allen dreien hat er 1855 begonnen. Fertiggestellt hat er die ersten beiden 1861, das dritte 1874. Wahrscheinlich wählte er eine Besetzung mit Klavier aus mehreren Gründen, denn er war selbst ein ausgezeichneter Pianist, und das Klavier war auch das Instrument der von ihm hochverehrten Clara Schumann. Sie spielte 1861 die Hamburger Uraufführung seines ersten Klavierquartetts g-Moll op. 25. Dieses Werk ist bis heute sein populärstes, und Brahms wählte es für sein Premierenkonzert vor Wiener Publikum ein Jahr später mit ihm selbst am Klavier. Typisch Brahms bildet der erste Takt des Allegro-Satzes gleich die Keimzelle für das weitere musikalische Geschehen. Sein Verlauf wird im zweiten Takt gespiegelt, im dritten etwas tiefer wiederholt, um dann harmonisch auszulaufen. Es entsteht eine dunkel gefärbte Intensität, die mit dramatischen Zuspitzungen den ganzen Satz prägt. Diese nervös-drängende Stimmung ist auch im folgenden Intermezzo unüberhörbar, wenn pochende Achtelnoten ständig präsent sind und sich im noch beschleunigten mittleren Trio wie dahinhuschende Girlanden um die melodieführenden Stimmen ranken. Strömend und chromatisch-leidenschaftlich beginnt das Andante. Es bringt zum ersten Mal Ruhe in das Quartett. In hellen Dur-Tonarten führt Brahms den musikalischen Fluss über ein unvermittelt eingeführtes punktiertes Motiv in einen Marsch im Dreiertakt, der nach einem klaren Höhepunkt erstaunlich schlicht wieder zu seiner ruhigen Ausgangsstimmung zurückfindet und damit das feurige Schlussrondo «alla Zingarese» vorbereitet. Dieser zündende Kehraus traf so recht den Geschmack des Wiener Publikums. Er lässt alles Bedächtige fahren, und es ist kaum zu bemerken, was dieser Satz den Interpreten abverlangt.
Hermann Keßler
Impressum
Philharmonisches Orchester Bremerhaven
REDAKTION Markus Tatzig, Torben Selk
SATZ Nathalie Langmaack
