Lera Auerbach

«JEDER ZUHÖRER IST EIN KLEINES UNIVERSUM»

GMD Marc Niemann im Gespräch mit composer in residence Lera Auerbach

Lera Auerbach (Foto: Reinhold)

 

MN: Wie haben Sie entdeckt, dass Komponieren Ihre Berufung sein würde?

LA: Ich habe im Alter von vier Jahren begonnen, sowohl Worte als auch Musik zu schreiben. Die Niederschrift von Musik und Text sind Teil meines Lebens seit ich denken kann.

MN: Sie sind als Multi-Talent bekannt: Sie sind eine renommierte Komponistin, arbeiten auch als Pianistin und Dirigentin und sind darüber hinaus eine erfolgreiche Schriftstellerin und Bildhauerin. Befruchten sich diese künstlerischen Tätigkeiten gegenseitig?

LA: Ob Komposition, Literatur, bildende Kunst, Dirigieren oder die pianistische Arbeit – sie alle sind untrennbar miteinander verbunden. Sie geben sich in gewisser Weise gegenseitig Form.

MN: Wie würden Sie Ihre musikalische Sprache und die Ästhetik Ihrer Musik beschreiben?

LA: Ich möchte nicht genau erklären, was ich tue und schreibe. Ich würde mir wünschen, dass das die Hörer meine Musik beschreiben und einen persönlichen Kontext setzen. 

MN: Gibt es Schulen oder Strömungen der Zeitgenössischen Musik oder Vorbilder, die Sie und Ihre musikalische Sprache in Ihrer künstlerischen Ausbildung und Entwicklung beeinflusst haben?

LA: Ich hatte das Glück, von so Vielen lernen zu dürfen. Vor allem glaube ich aber, dass wir uns neben der Ausbildung durch Lehrer und Vorbilder selbst ausbilden müssen. Schließlich tragen alle Erfahrungen, die wir im Leben sammeln, dazu bei, uns zu formen, und sie inspirieren uns in jeder Phase unseres Werdens. Dazu möchte ich das Ende der Erzählung Das Aleph von Jorge Luis Borges zitieren: «Ein Mann macht sich auf, die Welt zu zeichnen. Im Laufe der Jahre füllt er einen Raum mit Bildern von Provinzen, Königreichen, Bergen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen, Instrumenten, Sternen, Pferden und vielen Individuen. Kurz bevor er stirbt, entdeckt er, dass sich im Labyrinth der Linien die Züge seines eigenen Gesichts abzeichnen.»

MN: Das Thema unserer Saison ist das Schaffen von Komponistinnen, die oft unterprivilegiert waren und deren Werke häufig vergessen sind. Gibt es auch in unserer Zeit Schwierigkeiten, mit denen vor allem Komponistinnen zu kämpfen haben?

LA: Ich denke, dass Musik unabhängig von ihrem Autor weiterlebt und es keine Einschränkungen in der Kunstform selbst gibt. Allerdings gibt es in vielen Kulturen, auch in unserer, bestehende gesellschaftliche Strukturen mit tief verankerten Vorurteilen.

MN: Neben einem umfangreichen sinfonischen Schaffen haben sie einige Ballette geschrieben. Was macht für Sie die Faszination dieses Genres aus? Ist das vielleicht Teil Ihres russischen Erbes?

LA: Für viele Komponisten, die ich bewundere, wie Prokofiev oder Strawinsky, Musik für die Bühne war ein bedeutender Teil Ihres kreativen Outputs. Meine Arbeit für das Ballett wurde durch die Kreation von drei abendfüllenden Balletten für das Hamburg Ballett John Neumeiers katalysiert: Preludes CV, Die kleine Meerjungfrau und Tatjana. Aufgrund des Erfolges dieser Werke haben viele andere Ballett-Kompanien und Choreographen meine Musik auf die Bühne gebracht. Aber ich muss gestehen, dass mein persönliches Lieblingsgenre für das Theater die Oper ist.

MN: Gibt es große Unterschiede zwischen der Situation der Zeitgenössischen Musik in den USA und Europa? Haben diese Unterschiede auch Auswirkungen auf die Physiognomie der Werke?

LA: Sprach im grundsätzlichen Sinne ist unsere Kultur. Notierte Musik ist eine Sprache, die mit Symbolen festgehalten wurde, von Musiker*innen interpretiert und schließlich vom Publikum rezipiert wird. Musik wurzelt nicht in geographischen oder nationalen Zusammenhängen, aber sie kann von ihnen beeinflusst werden. Ich bin gleichermaßen heimisch und fremd in Russland, Europa und in Amerika.

MN: Können Sie unserem Publikum, auch wenn es nicht so erfahren im Hören Neuer Musik ist, eine Art «Schlüssel» geben, um den Zugang zu Ihrer Musik zu vereinfachen?

LA: Musik ist die abstrakteste aller Kunstformen: Jeder Zuhörer ist ein kleines Universum, und die Verbindung zum Gehörten findet auf sehr persönliche Art und Weise in seinem Inneren statt. Hören ist ein aktiver Prozess. Ich ermutige die Hörer meiner Musik, sehr persönliche Verbindungen zu suchen, wie Assoziationen, bildhafte Vorstellungen und persönliche Erinnerungen. Nur durch einen aktiven und geistig offenen Zuhörer kann das Mysterium der Verbindung Komponistin-Interpret-Zuhörer erreicht werden.