Magz Barrawasser zu «Corpus Delicti»

Dramaturg Peter Hilton Fliegel im Gespräch mit der Regisseurin Magz Barrawasser

Corpus Delicti von Juli Zeh spielt fünfzig Jahre in der Zukunft. Eine «Die Methode» genannte Gesundheitsdiktatur bestimmt über alle Bereiche des Lebens, mit der Begründung, dass Gesundheit das höchste Ziel der Gesellschaft sei. Die Methode bezeichnet sich als von Vernunft und Wissenschaft geleitet und folglich als unfehlbar. Was aber, wenn das unfehlbare System doch Fehler hat? Und was, wenn gar nicht alle Menschen Gesundheit als höchstes Lebensziel anstreben?

Der berühmte Autor Ray Bradbury («Fahrenheit 451») hat einmal sinngemäß gesagt, Science Fiction erzählt von den Fragen der Gegenwart an die Zukunft. Trifft das auf Corpus Delicti auch zu?
Magz: Vor ein paar Monaten hätte ich ganz klar «Ja!» geantwortet und darüber geredet, was für spannende Gedankenexperimente in dem Stück gemacht werden. Heute, mitten im Geschehen einer weltweiten Pandemie und mit Blick auf die Diskurse und Veränderungen, die dadurch in kürzester Zeit aufgebrochen sind und von denen wir alle auf die ein oder andere Art Teil sind, fällt meine Antwort zögerlicher aus. Die Gedankenexperimente aus Corpus Delicti sind wahnsinnig nah an unsere Gegenwart herangerutscht und ich kann nur hoffen, dass sie sie nicht komplett überlagern werden.

Was bedeutet denn für Dich Gesundheit?
Magz: «Die Abwesenheit von Schmerz» war mein erster Gedanke. Aber das geht nicht weit genug, denn Muskelkater ist zum Beispiel eine Art Schmerz, mit dem ich mich sehr gesund fühlen kann. Für mich geht der Begriff Gesundheit auch über das rein körperliche Erleben hinaus und hat viele Ebenen. Es ist der Zustand, in dem ich mich lebendig fühle – innerlich und äußerlich. Das Gefühl körperlicher Auslastung und seelischem Angefülltsein, beides in Balance, zum Entspannen und die Gedanken-wegfliegen-lassen.

Mia Holl, die Hauptfigur, wandelt sich wegen des Selbstmords ihres Bruders, nachdem er des Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt wird, von einer entschiedenen Befürworterin der «Methode» zu einer erbitterten Gegnerin. Ihr Glaube an die Unschuld des Bruders stellt ihre rationale Weltsicht auf die Probe. Wie vollzieht sich diese Wandlung und warum?
Magz: Mia versteht im Laufe des Stückes, dass ihr Dilemma, ihr Schmerz keine Privatsache ist, die sie mit sich selbst klären kann. Sie hat sich emotional an der «Methode» so lange wundgerieben, bis sie begreift, dass das Problem nicht in ihr, sondern im System liegt. Mit dieser Erkenntnis kann sie nach außen treten und sozusagen in den Gegenangriff gehen, weil sie der «Methode» an ihrem eigenen Beispiel die Fehlbarkeit nachweisen kann und sich dadurch fast unangreifbar macht.

Man kann Corpus Delicti problemlos als Kommentar auf die Corona-Pandemie lesen, aber vielleicht greift das zu kurz, schließlich ist der Text bereits 2007 als Theaterstück uraufgeführt worden. Was ist im Kern das Thema?
Magz: Das ist immer eine fiese Frage, nachdem man sich monatelang in ein Stück hineingedacht hat und Schicht für Schicht frei legen konnte. Ein Kern? Tausende! Aber na gut, wenn ich mich für einen entscheiden muss, würde ich sagen: Das Anerkennen der eigenen Verantwortung gegenüber dem System, in dem ich lebe. Heute in der Probe haben wir lange über die Stelle gesprochen in der Mia zu Kramer sagt «Über dir und mir gibt es keine Instanz, die uns richten wird.» Das bringt es für mich auf den Punkt: Wir müssen lernen, unser Denken und Handeln selbst in ein gesellschaftliches System einzuordnen, dabei Widersprüche aushalten und anerkennen, dass Handlungen Konsequenzen haben.

In der Fassung, die wir zeigen, ist das umfangreiche Personal auf drei Personen reduziert: Mia Holl, ihr Bruder Moritz, der die Hälfte der Zeit als Toter in Mias Kopf herumgeistert, und Heinrich Kramer als Vertreter der Methode. Bei wem kann ich als Zuschauer denn andocken mit meinen Gedanken und Gefühlen?
Magz: Ich hoffe an allen dreien. Am liebsten immer abwechselnd. In mir gibt es jedenfalls Gedankenanteile von allen.

In einem Satz: Welche Wirkung auf die Zuschauer*innen wünschst Du Dir?
Magz: Ich würde mich freuen, wenn die Zuschauer*innen mit vielen offenen Fragen aus der Vorstellung kommen und noch im Foyer anfangen, miteinander darüber zu diskutieren welche der Figuren denn nun schlussendlich recht hat. Diese Frage werde ich nämlich nicht beantworten.