Niklas Ritter zu «VÖGEL»

Dramaturgin Nadja Hess im Gespräch mit dem Regisseur Niklas Ritter

«Was ist ein Leben zwischen zwei Welten?»

Nach dem Stück «Verbrennungen» hat auch «Vögel» die deutschsprachigen Bühnen erobert – innerhalb von zwei Jahren ist es über 20 Mal nachgespielt worden. Was macht Mouawads Stücke so erfolgreich?
Niklas: Wajdi Mouawad schreibt Geschichten, die Konflikte und Sehnsüchte aufzeigen, die Liebe, Identifikation, Familie, Loslösung umkreisen – und damit jeden angehen. Dadurch sind sie, obwohl sie vor allem im Nahen Osten verortet sind – also eigentlich fern von unserer Lebenswirklichkeit – leicht übertragbar und nachvollziehbar auch in unserer Gesellschaft. Zudem erzählt «Vögel» eine moderne «Romeo und Julia»-Geschichte und damit zugleich den Urkonflikt einer Liebesgeschichte, in der sich die Familie gegen eine junge Liebe stellt. Und die Situation, dass eine Liebe die Familie auf die Toleranzprobe stellt, ist sicherlich vielen vertraut.

Das junge Liebespaar, das sich im Lesesaal einer New Yorker Bibliothek begegnet, hat ganz unterschiedliche Hintergründe hinsichtlich ihrer Herkunft – doch was verbindet sie?
Niklas: Sie glauben an die Liebe, die sie für den anderen empfinden. Beide haben sich aus ihren kulturellen Kreisen gelöst und beide meinen, unabhängig von ihrer familiären Vergangenheit zu sein. Aber beide werden von ihrem kulturellen Erbe wieder eingeholt – und daran scheitert ihre Liebe.

Welche unterschiedlichen Strategien haben die beiden entwickelt, um sich – bewusst oder unbewusst – von ihren Wurzeln bzw. kollektiven Zuschreibungen zu befreien?
Niklas: Eitan hat sich über die Religion und die Vergangenheit seiner jüdischen Familie hinweggesetzt und sich stattdessen ganz der Naturwissenschaft verschrieben. Er bezeichnet sich selbst als Objektivist. Und Wahida hat alles, was mit ihrer arabischen Herkunft und Kultur zusammenhängt, verleugnet und sich ihr Leben lang verstellt. Erst vor Ort, in Palästina, wird sie dann von ihren verdrängten kulturellen Wurzeln eingeholt.

Eitan lädt seine jüdische Familie aus Berlin nach New York ein, um ihnen seine Freundin Wahida vorzustellen – doch das Treffen verläuft anders als erhofft. Zwischen Vater und Sohn kommt es zum Konflikt...
Niklas: Eitan ahnt, dass er mit dieser Liebesverbindung seine Familie auf eine Probe stellt. Zugleich erweist er seiner Familie Respekt und hat sogar einen Rabbi zum Seder eingeladen, obwohl ihm selbst die jüdischen Traditionen nichts bedeuten. Und dennoch scheitert er an der Intoleranz seines Vaters für den die Verbindung seines Sohnes mit einer arabischstämmigen Frau absolut undenkbar ist. Für David ist es tatsächlich eine existentielle Frage, denn für ihn wäre es ein Verrat an der jüdischen Identität.

Die Frage nach der Identität ist ein zentrales Thema in «Vögel» – wie unterschiedlich gehen die Figuren damit um?
Niklas: Alle verleugnen auf unterschiedliche Weise ihre wahre Identität. Bei Eitans Mutter Norah hat sich der Widerstand gegen die Eltern zu einem Widerstand gegen sich selbst entwickelt – um ihren Eltern eins auszuwischen, hat sie sich für ein Leben an der Seite eines jüdischen Mannes entschieden, das sie selbst gar nicht will. Eitans Großmutter Leah hat sich ein Stachelkleid angezogen, um nach außen hin ihren weichen Kern zu verbergen. Und Eitans Großvater Etgar spielt alles herunter, um seine traumatischen Erfahrungen während des Holocaust wegzudrücken. Außerdem ist er Hüter des Familiengeheimnisses und lebt seit über 50 Jahren mit einer Lebenslüge. David allerdings verleugnet seine wahre Identität unfreiwillig, weil er sie nicht kennt. Bis zur Erkenntnis der Wahrheit vertritt er allerdings eine Art Überidentifikation mit seiner jüdischen Herkunft.

Die Figuren leisten also einen ziemlich hohen Kraftaufwand, um an der Wahrheit vorbeizukommen. David wird aber am Ende mit einer für ihn völlig unerwarteten Wahrheit konfrontiert …
Niklas: Das ist wahr, aber David wird daran nicht zerbrechen, sondern findet in der Erkenntnis der Wahrheit seinen Frieden. Er hat eine Erleuchtung – und in dem Moment ist er bei sich und kann sterben. Bei Mouawad ist die Wahrheit etwas Unausweichliches – ob ich sie kenne oder nicht, sie regiert mich.

Und was ist mit Wahida?
Niklas: Wahida arbeitet an einer Doktorarbeit über einen marokkanischen Diplomaten aus dem 15. Jahrhundert, einen Grenzgänger zwischen der muslimischen und der christlichen Kultur. Sie vertritt die These, dass dieser die eigenen Wurzeln nie verleugnet, sondern sich verstellt hat, um in der anderen Kultur zu überleben. Bis sie die Parallelen zu ihrem eigenen Leben erkennt. Sie beginnt zu begreifen, dass man sehr wohl in zwei Kulturen leben kann, ohne sich verstellen zu müssen. Voraussetzung ist aber, dass man die eigenen Wurzeln auch kennt – erst dann kann man sich frei entscheiden kann, wer man sein will. Wahida ist sicherlich die rätselhafteste Figur in „Vögel“, denn sie geht einer Frage nach, die für sie noch im Verborgenen liegt. Sie entscheidet sich für einen Weg, aber nicht für ein Ziel.

Hat «Vögel» eine positive Vision?
Niklas: Unbedingt. Eine zentrale Aussage des Stücks ist für mich: Verleugne deine Wurzeln nicht, aber entscheide dich für dein Leben. Und: Toleriere den anderen in seiner Entscheidung, denn er ist frei. So macht Eitan einen interessanten Wandel durch. Während er am Anfang noch sagt: Es gibt keinen Gott, stellt er am Ende fest: Wenn du an Gott glaubst, dann gibt es ihn für dich. Das Stück schließt mit Eitans Worten am Grab seines Vaters David: «Solange sich in dieser Schlacht deine beiden Vornamen verknüpfen, solange werde ich keinen Trost finden.» Das hat etwas sehr Visionäres, denn erst wenn es die Akzeptanz des anderen gibt, kann es Versöhnung und Frieden geben.