1. Sinfoniekonzert «Aufbruch»

Antrittskonzert des neuen Generalmusikdirektors Marco Comin

GIOACHINO ROSSINI Ouvertüre zu Guillaume Tell
JEAN SIBELIUS Violinkonzert d-Moll op.47
ANTONÍN DVOŘÁK Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88

TERMINE 31. August / 1. September 2026 // Großes Haus

Einführung jeweils 30 Minuten vor Konzertbeginn im Großen Haus.

Rossinis Ouvertüre zu Guillaume Tell ist ein komponierter Aufbruch: Naturklang, Bewegung, Energie, gespannte Erwartung und ein entschiedener Wille nach vorn. Freiheit erscheint hier als Geste des Anfangs, unmittelbar und körperlich. Bei Sibelius richtet sich der Aufbruch nach innen. Das Violinkonzert d-Moll wird zum konzentrierten Monolog der Solovioline – virtuos, kantig, von nordischer Klarheit und innerer Spannung geprägt. Dvořáks Sinfonie Nr. 8 führt ins Offene: Melodie, Rhythmus und Lebenslust verbinden sich zu einer Musik, die atmet, erzählt und den Raum mit menschlicher Wärme füllt.

1. Sinfoniekonzert

«Aufbruch»

Programm

Dirigent: Marco Comin
Violine: Lea Birringer
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


GIOACHINO ROSSINI (1792–1868) 

Ouvertüre zu Guillaume Tell

JEAN SIBELIUS (1865–1957)

Violinkonzert d-Moll op. 47
     Allegro moderato
     Adagio di molto
     Allegro ma non tanto

ANTONÍN DVOŘÁK (1841–1904)

Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88
     Allegro con brio
     Adagio
     Allegretto grazioso
     Allegro ma non troppo


Dauer: ca. 2 Stunden // eine Pause nach ca. 50 Minuten

31. August 2026 / 20:00 Uhr 
1. September 2026 / 19:30 Uhr
 

Aufbruch

GIOACHINO ROSSINI

Ouvertüre zu Guillaume Tell

Dauer: ca. 12 Minuten
Entstehung: 1828–1829

Mit diesem Sinfoniekonzert gibt Marco Comin seinen Einstand als Generalmusikdirektor am Stadttheater Bremerhaven. Passender könnte das Motto daher kaum gewählt sein: Aufbruch. Und so erzählen auch die Werke dieses Abends von Bewegung und Veränderung, von innerem Drang und dem Schritt ins Offene.

Gioachino Rossinis weltberühmte Ouvertüre zu Guillaume Tell steht an einem Wendepunkt. 1829 bringt der 37-jährige italienische Starkomponist in Paris seine letzte Oper auf die Bühne – eine französische Grand opéra über den Schweizer Freiheitskampf gegen die habsburgische Herrschaft. Danach zieht sich Rossini von der Opernbühne zurück. Zwar komponiert er weiter, allerdings keine weitere Oper. Stattdessen genießt er sein Leben in Paris und macht sich als leidenschaftlicher Feinschmecker einen Namen.

Die Ouvertüre hat indes längst ein Eigenleben entwickelt. Hector Berlioz erkennt in ihrer ungewöhnlichen Konstruktion voller Bewunderung eine «Sinfonie in vier Teilen». Ihre musikalischen Bilder haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingeprägt – nicht zuletzt durch Film, Fernsehen und Zeichentrickfilme.

Das Werk beginnt mit fünf Solocelli, die eine Bergwelt im Morgen-grauen malen. Doch die Idylle trügt: Holzbläsereinwürfe und wirbelnde Streicher kündigen einen Sturm an, der mit grollenden Pauken und schmetterndem Blech über das Orchester hereinbricht. Nach dem Aufruhr folgt eine friedliche Hirten-Szene. Das Englischhorn stimmt eine traditionelle Schweizer Kuhreihen-melodie an, über der die Flöte tänzelt, während das leise Schlagen der Triangel die Idylle belebt. Schließlich reißt uns der vierte und bekannteste Teil mit in den Jubel der Befreiung: Eine Trompetenfanfare gibt das Startsignal, und im mitreißenden Rhythmus eines schnellen Galopps stürmt das Orchester unaufhaltsam nach vorn – voller Energie, Unmittelbarkeit und Vorwärtsdrang. Ein Aufbruch par excellence.

JEAN SIBELIUS

Violinkonzert d-Moll op. 47

Dauer: ca. 35 Minuten
Entstehung: 1903–1904, revidiert 1905

Bevor Sibelius zu Finnlands bedeutendstem Komponisten wird, träumt er von einer anderen Karriere: Er will Geigenvirtuose werden. Erst als Jugendlicher entdeckt er die Violine für sich und bewirbt sich schließlich «erst» mit 26 Jahren um eine Stelle bei den Wiener Philharmonikern. Vergeblich. Später spricht Sibelius von einem «sehr schmerzhaften Erwachen», als er erkennt, dass er zu spät mit seiner Ausbildung begonnen hatte. Ganz los lässt ihn dieser Traum offenbar nie. Noch mit 50 Jahren notiert er in seinem Tagebuch, er habe geträumt, wieder zwölf Jahre alt und ein Virtuose zu sein.

Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund also kein Zufall, dass Sibelius’ einziges Instrumentalkonzert der Violine gehört: Darin scheint jene musikalische Existenz auf, die ihm selbst versagt geblieben ist. Dem Solisten verlangt Sibelius nahezu alles ab, doch Virtuosität ist kein Selbstzweck: Die Violine wird zur eigenständigen Stimme, die sich gegen das Orchester behauptet und wieder mit ihm verbindet.

Der Weg zur endgültigen Gestalt des Konzerts ist holprig. Bei der kurzfristig angesetzten Uraufführung 1904 in Helsinki tritt anstelle des vorgesehenen Willy Burmester Viktor Nováček an – und kämpft mit den enormen technischen Anforderungen. Nach ablehnenden Kritiken überarbeitet Sibelius das Werk gründlich. Die Neufassung wird 1905 in Berlin unter Richard Strauss uraufgeführt.

Beinahe unhörbar beginnt alles: Über dem Flirren gedämpfter Streicher erhebt sich die Solovioline mit einer eindringlichen Melodie wie aus der Ferne. Wer darin die eisige Weite Finnlands hört, wird von Sibelius’ Skizzen auf eine andere Spur geführt: Eine frühe Gestalt des Gedankens entsteht 1901 an der italienischen Riviera mit der Notiz «Glocken in Rapallo». Daraus entwickelt Sibelius einen ersten Satz voller Kontraste und dunkler Klangfarben, in dem die große Solokadenz die Funktion der Durchführung übernimmt.

Im Adagio di molto scheint die Zeit stillzustehen: Über dunklen Bläserklängen entfaltet die Violine einen weit gespannten Gesang. Im Finale setzen Pauken und tiefe Streicher einen unerbittlich pulsierenden Rhythmus in Gang. Die Solovioline entfesselt ihre ganze Virtuosität, die Musik drängt kantig und wild vorwärts. Aus dem Traum eines verhinderten Geigenvirtuosen ist eines der großen Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts geworden. Ein Aufbruch, der tief ins eigene Innere führt.

ANTONÍN DVOŘÁK

Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88

Dauer: ca. 40 Minuten
Entstehung: 1889

«Melodien strömen nur so aus mir heraus», schreibt Antonín Dvořák im Sommer 1889 an einen Freund. Wenige Wochen später beginnt er mit seiner Sinfonie Nr. 8 – und tatsächlich scheint diese Musik vor Einfällen beinahe überzulaufen. Dvořák verbringt den Sommer auf seinem Landsitz in Vysoká südlich von Prag, umgeben von Feldern und Wäldern. Hier findet er Ruhe, streift durch die Natur und komponiert in erstaunlichem Tempo: Ende August entstehen die ersten Skizzen, am 23. September ist die gesamte Sinfonie entworfen, Anfang November die Partitur vollendet. Dvořák will diesmal etwas schaffen, das «anders als andere Sinfonien» sein soll.

Und das hört man bereits in den ersten Takten. Obwohl G-Dur auf dem Titelblatt steht, beginnt die Sinfonie in g-Moll: Celli und Bläser stimmen eine dunkle, nachdenkliche Melodie an. Bald antwortet die Flöte mit einem hellen, fast vogelrufartigen Motiv, und die Musik öffnet sich nach G-Dur. Es folgt eine Überfülle melodischer Einfälle. Statt seine Themen einem strengen Formschema unterzuordnen, lässt Dvořák sie aufeinanderfolgen, miteinander spielen, verschwinden und in neuer Gestalt zurückkehren. Immer wieder wechseln Licht und Schatten, Melancholie und Lebensfreude.

Auch das Adagio verweigert sich der Eindeutigkeit. Zarte, entrückte Passagen stehen neben plötzlichen dramatischen Ausbrüchen, bevor die Musik wieder zur Ruhe findet. An die Stelle eines traditionellen Scherzos setzt Dvořák im dritten Satz einen elegant schwingenden Tanz, dessen Melodie zwischen Wehmut und Leichtigkeit zu schweben scheint.

Eine schmetternde Trompetenfanfare eröffnet das Finale. Die Celli stellen ein ebenso schlichtes wie einprägsames Thema vor, das Dvořák in einer freien Folge von Variationen immer wieder verwandelt. Mal tritt die Flöte virtuos hervor, mal stürzt sich das ganze Orchester in einen ausgelassenen Marsch, bevor die Musik zu ihrem Ausgangspunkt zurückfindet. Schließlich gibt es kein Halten mehr: In einer wilden, jubelnden Coda jagt Dvořák die Sinfonie ihrem Ende entgegen.

Naturverbundenheit und kompositorische Freiheit, Nachdenklich-keit und Überschwang liegen in dieser Musik dicht beieinander. Dvořák lässt seinen Ideen Raum, vertraut ihrer Kraft und schlägt dabei seinen ganz eigenen Weg ein. Ein Aufbruch ins Offene – voller Neugier, Freiheit und Lebenslust.

Markus Tatzig

Marco Comin

Dirigent

Marco Comin wurde in Venedig geboren und studierte dort Klavier und Komposition am Conservatorio Benedetto Marcello sowie Geschichte an der Università Ca’ Foscari. Sein Dirigierstudium absolvierte er an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Nach Engagements als 2. Kapellmeister am Deutschen National-theater Weimar und als 1. Kapellmeister und stellvertretender Generalmusikdirektor am Staatstheater Kassel war er von 2012 bis 2017 Chefdirigent am Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Sein Repertoire reicht vom Barock bis zur Gegenwart, wobei er sich mit historisch informierter Aufführungspraxis profiliert hat. Als Opern- und Konzertdirigent arbeitete er u. a. an der Staatsoper Stuttgart, der Ungarischen Staatsoper, der Oper Graz, dem Aalto-Theater Essen, dem Theater Bremen sowie mit zahlreichen deutschen und internationalen Orchestern. Neben seiner Dirigiertätigkeit veröffentlicht er die kritische Ausgabe der Werke des Barockkomponisten Francesco Bartolomeo Conti, die von Bärenreiter vertrieben wird. Seit der Spielzeit 2026/2027 ist Marco Comin Generalmusikdirektor am Stadttheater Bremerhaven.

Lea Birringer

Violine

Lea Birringer hat sich als international gefragte Solistin und Kammermusikerin etabliert. Bereits als Jungstudentin debütierte sie in der Berliner Philharmonie. Nach ihrem Studium bei Igor Ozim am Mozarteum Salzburg und Pavel Vernikov in Wien arbeitete sie u. a. mit dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra, der Deutschen Radio Philharmonie, der Staatskapelle Weimar, der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und der Staatskapelle Halle zusammen. Konzerte führten sie in den Wiener Musikverein, das Konzerthaus Berlin, die Kölner Philharmonie und den Pariser Louvre sowie zu den Salzburger Festspielen und den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Ihre ausgezeichneten und nominierten Aufnahmen umfassen Werke von Bach bis Auerbach sowie Violinkonzerte von Mendelssohn Bartholdy und Sinding. Ihr jüngstes Album mit den Violinkonzerten von Sibelius und Szymanowski wurde 2025 vom BBC Music Magazine als Concerto Choice ausgezeichnet. Für ihre Erfolge wurde Lea Birringer mit dem Kulturpreis des Stadtverbands Saarbrücken ausgezeichnet. Seit 2024 ist sie Professorin an der Hochschule für Musik Würzburg. 

Impressum

HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2026/2027, Nr. 1 
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard 
REDAKTION Markus Tatzig, Paula-Sophie Reif
SATZ Nathalie Langmaack 

QUELLEN
Jacobshagen, Arnold: Gioachino Rossini und seine Zeit. Laaber 2015.
Mäkelä, Tomi: Jean Sibelius und seine Zeit. Laaber 2013.
Klaus Döge: Dvořák. Leben – Werk – Dokumente. Mainz 1991.

AUFFÜHRUNGSRECHTE
Ouvertüre zu Guillaume Tell: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden / Leipzig
Violinkonzert d-Moll op. 47: Robert Linau, Frankfurt
Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden

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