2. Sinfoniekonzert «Verwandlungen»

ARNOLD BAX Tintagel
RICHARD STRAUSS Metamorphosen für 23 Solostreicher
MAX REGER Eine romantische Suite op. 125

TERMINE 28. / 29. / 30. September 2026 // Großes Haus

Einführung jeweils 30 Minuten vor Konzertbeginn im Großen Haus.

Vorstellungstermine

28.09.2026 um 20:00 Uhr Karten
29.09.2026 um 19:30 Uhr Karten
30.09.2026 um 19:30 Uhr Karten

Arnold Bax’ Tintagel entwirft eine klingende Landschaft aus Felsen, Meer und Mythos. Die Musik folgt der Bewegung der Küste und schichtet Spannung, Weite und romantische Imagination zu einer weit atmenden Form. Richard Strauss’ Metamorphosen verdichten Erinnerungen. 23 Solostreicher formen ein Gewebe aus Verlust, Trauer und Verwandlung, in dem jede Stimme ein tragendes Element ist. Max Regers Romantische Suite op. 125 setzt dem eine reflektierte Sprache entgegen. Romantik erscheint nicht als Rückblick, sondern als Haltung. Vielschichtig, konzentriert und von formaler Klarheit getragen.

2. Sinfoniekonzert

«Verwandlungen»

PROGRAMM

Dirigent: Florian Ludwig
Philharmonisches Orchester Bremerhaven


ARNOLD BAX (1883–1953)

Tintagel

RICHARD STRAUSS (1864–1949)

Metamorphosen für 23 Solostreicher
     Adagio, ma non troppo – Agitato – Più allegro –
     Adagio, tempo primo – molto lento

MAX REGER (1873–1916)

Eine romantische Suite op. 125
     Notturno. Molto sostenuto
     Scherzo. Vivace
     Finale. Molto sostenuto

Dauer: ca. 1 Stunde, 45 Minuten // eine Pause nach ca. 50 Minuten

28. September 2026 / 20:00 Uhr 
29. September 2026 / 19:30 Uhr
30. September 2026 / 19:30 Uhr

VERWANDLUNGEN

Landschaft wird Klang, Erinnerung wird Musik, Dichtung verwandelt sich in orchestrale Bilder. Arnold Bax, Richard Strauss und Max Reger führen in drei sehr unterschiedliche Klangwelten – und erzählen dabei von Veränderung. Von einer Burg über dem Atlantik, einer untergehenden kulturellen Welt und einer Nacht, die einem neuen Morgen weicht. Drei Werke über das, was bleibt, wenn nichts bleibt, wie es war. 

ARNOLD BAX

Tintagel

Dauer: ca. 15 Minuten
Entstehung: 1917–1919

In Cornwall, im Südwesten Englands, liegt auf einer Steilküste umgeben von sattgrünem Gras eine verlassene Burgruine. Hier soll einst die Burg von König Artus gestanden haben, der um sich die Ritter der Tafelrunde scharte. Auch König Marke, berühmt u. a. durch Richard Wagners Tristan und Isolde, soll hier gelebt haben. Nur noch einzelne Steine markieren das einst prächtige Gebäude. Tief unten treibt der Wind die Gischt der tosenden Wellen an die Felsen. So oder so ähnlich mag es ausgesehen haben, als der 34-jährige Arnold Bax im Sommer 1917 die Ruinen von Tintagel mit seiner Affäre, der Pianistin Harriet Cohen, besuchte. Er war tief beeindruckt und inspiriert von diesem Ort. Nach seiner Rückkehr nach London schrieb er die sinfonische Dichtung Tintagel, in der er seine Eindrücke in Musik verarbeitete.

Zwei thematische Ideen beherrschen das Stück: Mit dem Klang der majestätischen Fanfaren scheint die einstmals herrschaftliche Burg aufzuerstehen, die klanglich in die Natur Cornwalls eingebettet wird. Im stürmischer werdenden Mittelteil öffnet sich die Musik in weiten Spannungsbögen über die Klippen hinaus auf die schier unendlichen Weiten des Atlantiks, um schließlich wieder zurück zur Burg zu führen. Im Konzertprogramm der Uraufführung beschreibt Bax Tintagel als «musikalische Impressionen von der mit einer Burg gekrönten Klippe von Tintagel und von den Weiten des Atlantiks, wie man sie an einem sonnigen, aber nicht windstillen Sommertag von den Klippen Cornwalls aus sieht».

Zeit seines Lebens blieb Bax seinem spätromantischen Stil und seinen Vorbildern Wagner, Liszt und Elgar treu: Im Vorwort zur Partitur von Tintagel weist er explizit auf die Verbindungen zu Tristan und Isolde hin. Neben den thematischen Parallelen fällt ein musikalisches Zitat auf: «Am Höhepunkt des eher literarischen Teils», wie Bax beschreibt, greifen zunächst die Solo-Violine und die Solo-Oboe das chromatisch abfallende Motiv des leidenden Tristans auf, das dann weiterentwickelt wird, bis es den Mittelteil thematisch beherrscht.

Tintagel bedeutete den Wendepunkt im Schaffen von Bax: Mit seiner reflektierteren Klangsprache sorgte es für seinen Durchbruch und legte den Grundstein für seine produktivste Schaffensphase.

Paula-Sophie Reif

RICHARD STRAUSS

Metamorphosen für 23 Solostreicher

Dauer: ca. 30 Minuten
Entstehung: 1945

Im Frühjahr 1945 liegt die Welt, in der Richard Strauss groß geworden ist, in Trümmern. München, Dresden, Berlin, Wien: Opernhäuser, mit denen er eng verbunden ist, sind zerstört oder schwer beschädigt. Als im Oktober 1943 das Münchner Nationaltheater ausbrennt, trifft ihn die Nachricht hart. Hier hatte sein Vater Franz Strauss als Hornist gespielt, hier hatte Richard seine ersten Opernerlebnisse gehabt. Im März 1945 schreibt der 80-Jährige verzweifelt: «Mein schönes Dresden, Weimar, München: alles dahin!» In diesen letzten Kriegsmonaten entstehen die Metamorphosen. Den Anstoß gibt der Schweizer Dirigent und Mäzen Paul Sacher, der Strauss 1944 um ein Streicherwerk für sein Collegium Musicum Zürich bittet. Doch die Gedanken reichen offenbar weiter zurück: Auf einem Skizzenblatt steht «Trauer um München». Zwischen März und April 1945 wächst daraus eine «Studie für 23 Solostreicher» – zehn Violinen, fünf Bratschen, fünf Violoncelli und drei Kontrabässe. Keine Stimme wird verdoppelt, jede führt ihren eigenen Weg. Aus 23 Individuen entsteht ein großer Klangkörper.

Schon in den ersten Takten beginnt die Verwandlung. Aus den tiefen Streichern steigt eine dunkle, chromatisch fallende Linie auf, darüber treten weitere Motive hinzu. Sie werden weitergeführt, verändert und neu zusammengesetzt. Aus kleinen Zellen entsteht ein immer dichteres polyphones Geflecht. Strauss, der Meister des riesigen spätromantischen Orchesters, konzentriert sich auf nur einen Klang: Streicher. Jede der 23 Stimmen bleibt hörbar und wird Teil eines gemeinsamen Stroms. Der Titel benennt dabei ein kompositorisches Prinzip: Musik als Veränderung. Doch bei Strauss wird daraus mehr. In einer Welt, die sich bis zur Unkenntlichkeit verwandelt hat, scheint auch die Vergangenheit in der Musik ihre Gestalt zu verändern. Erinnerungen tauchen auf, lösen sich auf und werden Teil von etwas Neuem. Die Metamorphosen sind kein musikalisches Denkmal für ein zerstörtes Gebäude. Sie kreisen um den Verlust einer kulturellen Welt, mit der Strauss sich identifiziert hatte und deren Zusammenbruch er nun erlebt.

Erst kurz vor Schluss wird eine Erinnerung erkennbar. In den tiefen Streichern erscheint der Beginn des Trauermarschs aus Beethovens Eroica. Strauss schreibt darunter: «In memoriam!» Was zuvor nur in verwandter Gestalt durchzuschimmern scheint, erhält einen Namen. Beethoven wird zum Echo einer Vergangenheit, die sich nicht zurückholen lässt. Dabei bleibt eine Unruhe, die sich nicht in Schönheit auflöst. Strauss hatte sich während der NS-Zeit mit dem Regime arrangiert, zeitweise hohe kulturpolitische Ämter übernommen und zugleich versucht, seine jüdische Schwiegertochter und deren Familie zu schützen. Die Metamorphosen sind daher kein ungebrochener Abgesang eines unbeteiligten Beobachters. Sie entstehen am Ende einer Epoche, in deren Widersprüche ihr Komponist selbst verstrickt war.

Am Schluss sinkt die Musik zurück in die Tiefe. Keine Erlösung, kein triumphaler Neubeginn. Nur Erinnerung, Trauer – und Veränderung. Vielleicht ist das die eigentliche Metamorphose: Was verloren ist, kehrt nicht wieder. Aber im Erinnern nimmt es eine neue Gestalt an.

Markus Tatzig

MAX REGER

Eine romantische Suite op. 125

Dauer: ca. 30 Minuten
Entstehung: 1912

Die Romantische Suite war Max Regers selbsterklärter erster «Ausflug in das Gebiet der Programmmusik». In diesem Werk verwandelte er drei Gedichte Joseph von Eichendorffs – Nachtzauber, Elfe und Adler – in seine musikalische Sprache. Doch diese Verwandlung bedeutet nicht, dass der ursprüngliche Zustand aufgegeben wird: Das Alte und das Neue verschmelzen zu einer Einheit. Denn Reger klebte die abgeschriebenen Gedichte an den Anfang der Partitur und bestand auf der Wiedergabe der Gedichte in den Programmheften: «op. 125 ist sonst total unverständlich», schrieb er an seinen engen Freund und Komponistenkollegen Philipp Wolfrum. Zunächst hatte er für die Sätze noch Titel vorgesehen, die an den Gedichttiteln orientiert waren. Schließlich entschied er sich für die neutraleren Bezeichnungen Notturno, Scherzo und Finale. Zwei Jahre nach der Vollendung der Romantischen Suite erlitt Reger einen gesundheitlichen Zusammenbruch, der vermutlich seinem jahrelangen Alkoholismus geschuldet war. 1916 verstarb er mit 46 Jahren. Eine besondere Verbindung besteht zu Arnold Schönberg: Der erklärte Reger-Fan brachte in seinem Wiener «Verein für musikalische Privataufführungen» regelmäßig dessen Werke zur Aufführung und arrangierte die Romantische Suite 1920 für Kammerensemble.

Das Notturno zeichnet das Bild der Dämmerung, die sich von den Bergen auf den Wald hinabsenkt. Reger verwendet hier eine für ihn ungewöhnliche, am französischen Impressionismus von Claude Debussy orientierte Klangsprache: Schwelgerische Melodien, ein filigranes Stimmengeflecht, durchsichtige Instrumentierungen und gedämpfte Instrumente erzeugen den Eindruck von Ferne und Dämmerlicht. Im wiederholten, feierlichen Motiv der Posaunen, Basstuba und der Pauke, das an alte Kirchenmusik erinnert, entdeckt man die «uralten Lieder», die Eichendorff mit der Nacht verbindet. Traum und Realität verschwimmen immer weiter. Der Anblick des sanft schimmernden Tals leitet zum zweiten Satz über.

Das Scherzo gleicht einem ausgelassenen Tanz zarter Elfen. Silbrig flirrende Streicher deuten die mondbeschienenen Blätter der Bäume und Sträucher des Tanzsaals an. Die häufig solistisch geführten Holzbläser scheinen schwebend zu tanzen. Reger wartet mit allen Vokabeln seines musikalischen Humors auf, der auf überraschende harmonische, melodische oder metrische Wendungen setzt. Es lassen sich Parallelen zu Felix Mendelssohn Bartholdys Bühnenmusik zu Ein Sommernachtstraum und Carl Maria von Webers Oberon-Ouvertüre erkennen. Beides dirigierte Reger kurz vor der Komposition der Suite selbst in Meiningen, wo er zu dieser Zeit Hofkapellmeister war.

Im Finale wiederholen sich mehrere musikalische Sequenzen aus dem Notturno und werden durch eine Montage in neue musikalische Gedanken verwandelt. Reminiszenzen an die vergangene Nacht und den Traum des Scherzos werden dabei von etwas Neuem unterwandert. Es ist der Moment der Morgendämmerung, der schon den Tag erahnen lässt: Durch mehrere musikalische Steigerungswellen scheint die Sonne die Erde zu wärmen. Nur zwischen den Bäumen hält sich zunächst der Schleier der Nacht. Schließlich vertreibt das Licht die letzten Reste der Dunkel-heit, und der neue Tag beginnt.

Paula-Sophie Reif

Drei Gedichte Joseph von Eichendorffs bilden die literarische Grundlage von Max Regers Romantischer Suite: Nachtzauber, Elfe und Adler.

Nachtzauber

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie dus oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen –
Komm, o komm zum stillen Grund!

 

Elfe

Bleib bei uns! Wir haben den Tanzplan im Tal
Bedeckt mit Mondesglanze,
Johanniswürmchen erleuchten den Saal,
Die Heimchen spielen zum Tanze.

Die Freude, das schöne leichtgläubige Kind,
Es wiegt sich in Abendwinden:
Wo Silber auf Zweigen und Büschen rinnt,
Da wirst du die Schönste finden!


Adler

Steig nur, Sonne,
Auf die Höhn!
Schauer wehn,
Und die Erde bebt vor Wonne.

Kühn nach oben
Greift aus Nacht
Waldespracht,
Noch von Träumen kühl durchwoben.

Und vom hohen
Felsaltar
Stürzt der Aar
Und versinkt in Morgenlohen.

Frischer Morgen!
Frisches Herz,
Himmelwärts!
Lass den Schlaf nun, lass die Sorgen!
 

Florian Ludwig

Dirigent

Florian Ludwig durchlief nach seinem Studium bei Hermann Michael an der Hochschule für Musik in München eine klassische Kapellmeisterlaufbahn mit Stationen in Mannheim und Bremen. Von 2008 bis 2017 war er Generalmusikdirektor in Hagen, von 2020 bis 2022 in derselben Funktion am Stadttheater Gießen tätig. Seit 2015 ist er Professor für Orchesterleitung an der Hochschule für Musik Detmold, seit September 2025 zudem Chefdirigent der Vogtland Philharmonie. Gastengagements führten ihn u. a. an die Wuppertaler Bühnen, die Volksoper Wien und das Staatstheater Braunschweig. Darüber hinaus arbeitete er mit Orchestern wie dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem MDR-Sinfonieorchester, den Münchner Symphonikern, der Württembergischen Phil-harmonie Reutlingen und den Bremer Philharmonikern zusammen. Ein weitgefächertes Repertoire und innovative Konzertformate zeichnen seine Programmplanung aus. Dafür wurde er in der Spiel-zeit 2014/2015 vom Verband der Deutschen Musikverleger mit dem Preis für das beste Jahresprogramm aller Orchester im deutsch-sprachigen Raum ausgezeichnet.

Impressum

HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2026/2027, Nr. 5
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard 
REDAKTION Markus Tatzig, Paula-Sophie Reif
SATZ Nathalie Langmaack 

QUELLEN
Dibble, Jeremy. The Gramophone. London 2015.
Foreman, R. L. E. Music & Letters. Oxford 1971.
Lütteken, Laurenz. Richard Strauss: Die Musik der Moderne. Kassel 2014.
Popp, Susanne. Reger-Studien online. Karlsruhe 2020.
Popp, Susanne. Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa. Leipzig 2017.
Thissen, Paul. Reger-Studien online. Karlsruhe 2024.

AUFFÜHRUNGSRECHTE
Tintagel: Faber Music, UK / für Deutschland: Alkor Edition, Kassel
Metamorphosen für 23 Solostreicher: Reprint-Ausgabe nach Boosey & Hawkes, London /Berlin
Eine romantische Suite op. 125: Bote & Bock / Boosey & Hawkes, Berlin / London

Schließen-Button