Das Philharmonische Orchester im Großen Haus des Stadttheater

4. Sinfoniekonzert «Wahlverwandtschaften»

JOSEF SUK Scherzo fantastique op. 25
BOHUSLAV MARTINŮ Konzert für Oboe und Orchester H 353
GUSTAV MAHLER Sinfonie Nr. 5 cis-Moll GWV 44

TERMINE 12. / 13. / 14. Januar 2026 // Großes Haus

Einführung jeweils 30 Minuten vor Konzertbeginn im Großen Haus.

«Das Konservatorium Europas» – eine Bezeichnung, die wunderbar zu Böhmen passt, diesem Landstrich umgeben von Polen, der Slowakei, Deutschland und Österreich, der so viele große Musiker:innen hervorgebracht hat.
Bei dem unglaublichen Reichtum an ausgesprochen großartiger Musik wollen wir unser Publikum an der Gestaltung des Programms beteiligen.
Drei Werke stehen zur Auswahl, die den Abend eröffnen könnten:

  1. JOSEF SUK Scherzo fantastique op. 25
    Josef Suk war einer der profiliertesten tschechischen Komponisten am Beginn des 20. Jahrhunderts und Antonín Dvořáks Schwiegersohn. Das Scherzo stammt aus Suks glücklichster Lebensphase und bietet süffige Orchesterklänge mit  einem Zug ins unwirklich Märchenhafte.
  2. BEDŘICH SMETANA Šárka aus «Má Vlast — Mein Vaterland»
    Die Tondichtung Šárka stammt aus dem für das tschechische Nationalbewusstsein so wichtigen Zyklus Mein Vaterland und folgt auf die bekanntere Moldau. Die zupackende und entschlossene Musik erzählt eine alte Volkssage vom «Böhmischen Mägdekrieg», in dem die unerschrockene Königin Šárka den Kampf um die Freiheit der mit ihr lebenden Frauen gegen eine bedrängende Männerherrschaft aufnimmt.
  3. LEOŠ JANÁČEK Lašské tance — Lachische Tänze
    Die Musik Janáčeks öffnet der tschechischen Musik die Tür in die Moderne. In seinen Lachischen Tänzen eifert er zwar noch Antonín Dvořák nach, findet aber einen ganz persönlichen Klang für die Musik seiner Heimat.

Vom Publikum ausgewählt wurde Scherzo fantastique op. 25 von Josef Suk.

Kaum ein anderer als Bohuslav Martinů steht so für die tschechische Musik des 20. Jahrhunderts. Sein Oboenkonzert zeigt ihn von seiner frischen, sehr persönlichen Seite und der international gefeierte Oboist Kai Frömbgen bringt die nötige Spielfreude mit, die dieses Konzert auszeichnet. «... mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen», nichts Geringeres beabsichtigte Gustav Mahler mit der Komposition seiner Sinfonien, und gerade in seiner Fünften wird die Welt zu Musik. Das berühmte Trompetensignal und der anschließende gedecktdunkle Trauermarsch am Beginn des Werkes sind Ausgangspunkt für ein Aufeinandertreffen unterschiedlichster, regelrecht disparater musikalischer Erscheinungen. Von der grotesken Überzeichnung von Volks- und Marschmusik bis zu weit ausschwingenden ruhigen Melodien reicht das Ausdrucksspektrum. Wie eine Insel der Ruhe thront darin das berühmte Adagietto, das Luchino Visconti als Musik für seinen Film Tod in Venedig auswählte.

4.Sinfoniekonzert

«Wahlverwandtschaften»

Programm

Dirigent: Marc Niemann
Oboe: Kai Frömbgen
Philharmonisches Orchester Bremerhaven

Josef Suk (1874–1935)

Scherzo fantastique op. 25

BOHUSLAV MARTINŮ (1890–1959)

Konzert für Oboe und Orchester H 353
     Moderato
     Poco andante
     Poco allegro

GUSTAV MAHLER (1860–1911)

Sinfonie Nr. 5 cis-Moll GWV 44
     
Erste Abteilung
     I. Trauermarsch. In gemessenem Schritt. Streng. Wie ein Kondukt
     II. Stürmisch bewegt, mit größter Vehemenz
     Zweite Abteilung
     III. Scherzo. Kräftig, nicht zu schnell
     Dritte Abteilung
     IV. Adagietto. Sehr langsam
     V. Rondo-Finale. Allegro

Dauer: ca. 2 Stunden, 20 Minuten // eine Pause nach ca. 30 Minuten

JOSEF SUK

Scherzo fantastique op. 25

Dauer: ca. 15 Minuten
Entstehung: 1903

Josef Suk war Schüler von Antonín Dvořák. Er verliebte sich in dessen Tochter Otilie, die er 1898 schließlich heiratete. Suk verstand sich ausgezeichnet mit seinem Schwiegervater, nahm ihn sogar zum Vorbild. Doch sein volles Potenzial konnte er erst nach Dvořáks Tod ausschöpfen. Das Scherzo fantastique gilt als erster Versuch hierfür. Dennoch bleibt Dvořáks Handschrift in der Musik deutlich präsent.

Inspiriert wurde das Werk von seiner Liebe zu Otilie. Bei der Uraufführung im Prager Konservatorium 1905 konnten weder Otilie noch Dvořák anwesend sein – beide waren bereits verstorben. Bei der nahezu leichtfüßigen Musik kann man nur erahnen, wie gerne Suk und Otilie durchs Leben getanzt sind. Die lauten musikalischen Momente, die durch die leisen abgefedert werden, zeigen es ohne Frage. Im ersten Moment wirkt alles verliebt und leicht, im nächsten schon etwas ernster – wie die kleinen Dramen des Alltags, die sich in jede Beziehung einschleichen. Berufsbedingt war Suk viel unterwegs. Seine Tätigkeit im böhmischen Streichquartett brachte zahlreiche zusätzliche Auftritte mit sich und ließ ihm entsprechend weniger Zeit für seine Familie. Umso mehr schätzte er die gemeinsamen Momente, die er in seiner Musik verarbeitete.

Wie muss sich Suk gefühlt haben, als er zum ersten Mal Dvořáks Haus betrat? Vielleicht wirkte das Haus wie ein prunkvoller Palast. Immerhin verehrte er seinen großen Meister. Und dann die Begegnung mit Otilie, die alles veränderte … Aus regelmäßigen Begegnungen wurde bedingungslose Liebe. Im Scherzo fantastique schimmert Walzerhaftes durch. Vielleicht ein musikalischer Verweis auf die Hochzeit mit Otilie, immerhin trauten sich beide am Tag der Silberhochzeit von Dvořák und dessen Frau. Im Finale steigt die Anspannung, dann löst sie sich wieder. Vielleicht dachte Suk an die Geburt seines Sohnes und daran, wie erleichtert er war, ihn endlich in den Armen halten zu können.
Er hat es geschafft, den Übergang von der tschechischen Romantik zur Moderne zu meistern. So wurde aus dem einstigen Schüler der Lehrer einer neuen Generation. Ab 1922 leitete er am Prager Konservatorium die Meisterklasse für Komposition. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Jaroslav Ježek und Bohuslav Martinů.

BOHUSLAV MARTINŮ

Konzert für Oboe und Orchester H 353

Dauer: ca. 17 Minuten
Entstehung: 1955

Vermutlich hatten Sie in Ihrer Kindheit ein eigenes Zimmer in einer Wohnung oder wohnten sogar in einem Haus. Martinů hatte all das nicht. Er wohnte zusammen mit seinen zwei Geschwistern, seinen Eltern und zwei Pensionsgästen in einem Raum. Seine Kindheit verbrachte er in Isolation, da seine Familie in einem Kirchturm wohnte. Sein Vater war Schuster und zugleich für die Bewachung des Turms zuständig. Ganz so romantisch, wie man es aus Märchen oder Leuchtturmfantasien kennt, war dieses Leben allerdings nicht. Aufgrund politischer Verfolgung musste Martinů aus seiner Heimat fliehen. Eine Erfahrung, die auch seinen Kompositionsstil stark beeinflusste. 35 Jahre lang kehrte er nicht in seine Heimatstadt Polička in der heutigen tschechischen Republik zurück. Viele Jahre verbrachte er in den USA, Frankreich und der Schweiz, wo er auch sein Lebensende fand. Dank seiner Frau konnte er 20 Jahre nach seinem Tod in seine Heimat überführt und dort beigesetzt werden.

Eine Melancholie umhüllt die Landschaft. Es ist die Sehnsucht eines Mannes, der zu Lebzeiten nie wieder in seine Heimat zurückkehren konnte. Alles, was ihm blieb, war ein Foto, das er immer bei sich trug. Stellen Sie sich vor, Sie sind jetzt der kleine Martinů, der aus seinem Turm aufs Wasser starrt und den Leuten dabei zusieht, wie sie sich unterhalten. Der Sonnenaufgang am Morgen, die erwachende Tierwelt, der Trubel wird lauter. Die Leute handeln und tauschen. Was sie sagen, hören Sie nicht, aber Sie spüren dennoch, wie Ihnen dabei warm ums Herz wird. Dann bedroht ein Krieg dieses fragile Gefüge. Ihre sowieso schon erdrückende Kindheit zerbröselt noch mehr. Der einzige Lichtblick: die Flucht in die USA. Es öffnen sich neue Türen, die Zukunft erstrahlt in hellem Glanz, und doch bleibt das Gefühl, dass etwas fehlt.

Martinů komponierte das Konzert für Oboe und Orchester, als er viele Jahre später wieder in Europa lebte. Entstanden ist das Werk nicht für ihn selbst, sondern in erster Linie für den befreundeten Oboisten Jiří Tancibudek. Tschechische Folk-Melodien spielen dabei nicht nur in seiner Sehnsucht eine Rolle, sondern sie sind auch ein nostalgischer Teil seines Konzerts. Es ist eine Hommage in drei Sätzen an eine Heimat, die ihn nie losgelassen hat.

GUSTAV MAHLER

Sinfonie Nr. 5 cis-Moll GWV 44

Dauer: ca. 1 Stunde, 10 Minuten
Entstehung: 1901–1902, revidiert 1911

Manche Werke bekommen erst nach dem Tod des jeweiligen Komponisten die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Mahlers 5. Sinfonie zählt dazu. Sie stieß auf allgemeines Unverständnis und wurde jahrelang von den Kritikern regelrecht verrissen. Sie sei pures Chaos oder sehr schwermütig, hieß es. Mahler ließ das nicht auf sich sitzen und machte seinem Unmut Luft. Während eines Auftritts in Hamburg nannte er sie «ein verfluchtes Werk, das niemand kapiert».

Die Entstehung der Sinfonie gestaltete sich alles andere als einfach. Mahler überarbeitete sie mehrere Male und stellte sie erst neun Jahre später fertig. Seit seiner Kindheit kämpfte er mit verschiedenen Krankheiten. Besonders nach einem schweren Zusammenbruch auf der Bühne musste er sich auf seine Genesung konzentrieren. Die ständige Angst vorm Tod wurde zu seinem täglichen Begleiter.

Mahler gliedert seine Sinfonie Nr. 5 in fünf Sätze, die oft undurch-dringlich erscheinen. Sie beginnt in einer düsteren Stimmung. Die Straßen sind wie leergefegt, und die Bedrohung naht, denn ein Trauermarsch kommt immer näher und lässt an die schweren Stunden des Lebens denken. Dann legt sich ein leichter Nebel über die Landschaft, bis er sie vollkommen umschlungen hat. Die Fanfaren des Trauerzugs werden immer leiser, bis sie im Nebel verschwinden. Kurz darauf zieht ein mächtiger Sturm auf. Dann wird alles wieder leiser, wie nach einem Platzregen im Sommer. Im weiteren Verlauf findet ein Kampf statt. Eine innere Zerrissenheit erfüllt den Raum, zwischendurch blitzen kleine Hoffnungsschimmer am Himmel auf, die kurz darauf wieder zerstört werden. Die Ruhe währt nur kurz. Jeder sanft verlaufende melodische Moment wird abrupt beendet.

Im dritten Satz scheint erstmals die Sonne. Die Lebensfreude ist deutlich spürbar, die Walzerklänge laden zum Tanzen ein, und doch schwingt eine leichte Melancholie mit. Wenn Ihnen die Melodie des vierten Satzes bekannt vorkommt, liegt das vielleicht an ihrer späteren Verwendung im Film Tod in Venedig von Luchino Visconti. Ursprünglich jedoch schrieb Mahler dieses Adagietto als intime Liebeserklärung an seine Frau Alma. In dieser stillen, schwebenden Musik entsteht ein Moment des Innehaltens – ein Ruhepol innerhalb der Sinfonie. Es lebe die Liebe, heißt es oft in der Kunst, und genau das ist im Finalsatz zu spüren: Die Lebensfreude kehrt zurück, der zuvor gespürte Sonnenschein ist wieder da. Aber eben auch das Chaos. Mahler schuf mit seiner 5. Sinfonie ein Werk über die extremen Höhen und Tiefen des Lebens.

Vanessa Kruk

Marc Niemann

Dirigent

Marc Niemann ist seit 2014 Generalmusikdirektor des Philharmonischen Orchesters Bremerhaven. Seitdem hat er das Angebot systematisch ausgebaut und durch innovative Konzertformate neue Publikumsschichten erschlossen, was 2017 zur Aufnahme des Bremerhavener Klangkörpers in das Förderprogramm Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland der Bundesregierung führte. 2018 wurde Niemann von der Zeitschrift Opernwelt als Dirigent des Jahres nominiert. Seine Diskografie umfasst, neben der von der Presse hochgelobten zyklischen Einspielung aller Beethoven-Sinfonien, zeitgenössische Werke und die Einspielung der 3. und 6. Sinfonie Emilie Mayers, die 2022 für den internationalen Kritikerpreis ICMA-Award nominiert war. Jüngst wurde Niemann für den OPUS Klassik als Dirigent des Jahres und die Mayer-CD als Sinfonische Einspielung des Jahres nominiert. Er steht als Gastdirigent am Pult zahlreicher Orchester und Festivals im In- und Ausland, war 2022 direttore musicale des Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano und engagiert sich auch kulturpolitisch als Vorsitzender des Landesmusikrates Bremen. Seit 2025 ist Marc Niemann Intendant und Geschäftsführer des Sendesaals Bremen.

Kai Frömbgen

Oboe

Kai Frömbgen wurde in Koblenz geboren. Nach dem Abschluss am Konservatorium der Stadt Luxemburg bei Norbert Mattern studierte er bei Christian Wetzel an der Hochschule für Musik und Theater «Felix Mendelssohn Bartholdy» Leipzig. Während der Schulzeit gewann er 1991, 1993 und 1995 den 1. Preis des Bundeswettbewerbs Jugend musiziert. 1998 und 1999 spielte er als Mitglied im European Union Youth Orchestra. Frömbgen war Stipendiat der Studienstif-tung des Deutschen Volkes und der Villa Musica. Nach seiner ersten Stelle in der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz wechselte er 2003 als Solooboist zu den Bamberger Symphonikern. Er spielte ab 2005 unter der Leitung von Claudio Abbado im Lucerne Festival Orchestra und wurde 2012 Solooboist des Chamber Orchestra of Europe. 2013 erhielt er den Ruf an die Hochschule für Musik Saar, 2014 an die Robert Schumann Hochschule Düsseldorf. Seit 2018 ist er Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Frömbgen ist Mitglied des Linos Ensembles und hat solistisch und in Kammermusikensembles u. a. mit Isabelle Faust, András Schiff, Christoph Eschenbach, Frank Peter Zimmermann, Sabine Meyer sowie mit Dirigenten wie Claudio Abbado, Bernard Haitink, Nikolaus Harnoncourt und Yannick Nézet-Séguin gespielt.

Impressum

HERAUSGEBER Philharmonisches Orchester Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 13
GENERALMUSIKDIREKTOR Marc Niemann
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Markus Tatzig, Torben Selk
SATZ Nathalie Langmaack

QUELLEN
Květ, Jan Miroslav: Josef Suk. Leben und Schaffen. Prag 1936.
Rybka, James F.: Bohuslav Martinů. The compulsion to compose. Lanham, Md. 2011.
Ulm, Renate: Gustav Mahlers Sinfonien. Kassel 2004.

AUFFÜHRUNGSRECHTE
Scherzo fantastique op. 25: Reprintausgabe / Breitkopf & Härtel
Konzert für Oboe und Orchester H 353: Max Eschig / Universal Music, Paris / Mailand
Sinfonie Nr. 5 cis-Moll GWV 44: Reprintausgabe / Ed. Peters, Leipzig

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