Das Philharmonische Orchester im Großen Haus des Stadttheater

5. Sinfoniekonzert «Brücke ins Reich der Mitte»

TAN DUN Symphonic Poem of three Notes: La-Si-Do (2010)
MAURICE RAVEL Ma mère l’Oye – Suite
JOHANNES BRAHMS Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83

TERMINE 9. / 10. Februar 2026 // Großes Haus
11. Februar 2026 // Festspielhaus am Wall, Emden

Einführung jeweils 30 Minuten vor Konzertbeginn im Großen Haus.

Kunst ist international und kennt keinerlei Grenzen. Unsere beiden Gäste, der Dirigent Renchang Fu und der Pianist Haiou Zhang, leben diesen Grundsatz seit über 20 Jahren und sind praktisch überall zu Hause. Ähnlich ergeht es dem aus China stammenden Komponisten Tan Dun, dessen Symphonisches Poem: La-Si-Do als Geburtstagspräsent für den Ausnahmesänger Placido Domingo gedacht war. Ein Geschenk sollte auch die Suite Ma mère l’Oye von Maurice Ravel für Kinder von Freund:innen sein, in der bezaubernde Märchen von Dornröschen, der Kaiserin der Pagoden oder der Schönen und dem Biest auf eine träumerische Reise voller impressionistischer Klanggebilde, die von fernöstlicher Musik inspiriert wurden, einladen. Das Zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms ist da von einem ganz anderen Zuschnitt und zeigt in der viersätzigen Anlage seinen symphonischen Anspruch. Weit entfernt ist es von den üblichen Virtuosenkonzerten seiner Zeit. So feinsinnig ist die Verschmelzung von Klavier- und Orchesterklang ausgearbeitet, dass es im Ausloten von romantischer Tiefe und heiter-verströmender Gelassenheit weit in das nächste Jahrhundert vorausweist.

5. Sinfoniekonzert

«Brücke ins Reich der Mitte»

Programm

Dirigent: Renchang Fu
Klavier: Haiou Zhang
Philharmonisches Orchester Bremerhaven

TAN DUN (* 1957)

Symphonic Poem of Three Notes: La–Si–Do

MAURICE RAVEL (1875–1937)

Ma mère l’oye
     Pavane de la Belle au bois dormant
     Petit Poucet
     Laideronnette, impératrice des pagodes
     Les entretiens de la Belle et de la Bête
     Le jardin féerique

JOHANNES BRAHMS (1833–1897)

Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83
     Allegro non troppo
     Allegro appassionato
     Andante
     Allegretto grazioso

Dauer: ca. 1 Stunde, 50 Minuten // eine Pause nach ca. 35 Minuten

TAN DUN

Symphonic Poem of Three Notes: La–Si–Do

Dauer: ca. 12 Minuten
Entstehung: 2011

Die Kompositionen von Tan Dun verbinden westliche Orchestertraditionen mit asiatischen Klangvorstellungen, Naturgeräuschen und Alltagsobjekten. Seine Musik entsteht nicht allein aus Tonhöhen und Harmonien, sondern aus dem Zusammenspiel von Klangquellen, die das Hören in den Mittelpunkt rücken. Dun löst sich damit vom strukturellen Denken und etabliert den Klang als sinnliche Erfahrung.

Die Idee zum Symphonic Poem entstand anlässlich des 70. Geburtstags von Plácido Domingo. Dun wurde gebeten, ein Werk für dessen Überraschungsfeier zu schreiben. Als Widmung verarbeitete er Domingos Namen rhythmisch im Mittelteil. Dieser Rap-Abschnitt ist kein stilistischer Bruch, sondern ein spielerisches Klangzeichen.

Den Ausgangspunkt bilden die drei Solfège-Töne La–Si–Do, die zu Beginn von Röhrenglocken angeschlagen werden. Von hier aus entfaltet Dun eine klangliche Entwicklung, die Natur, Mensch und Gesellschaft in Beziehung setzt. Zunächst prägen naturhafte Geräusche und offene Klangräume das Geschehen. Allmählich verdichten sich Rhythmus und Dynamik, Klänge werden härter, lauter und fragmentarischer. Der Übergang lässt an den Einbruch der Industrialisierung denken.

Im zentralen Abschnitt überlagern sich Stimmen, Rhythmen und perkussive Effekte. Klänge von Alltagsgegenständen wie Autoreifen oder Steinen verstärken den Eindruck von Unruhe und Beschleunigung. Die Musik wirkt aufgewühlt, fast aufständisch – ein Spiegel einer Gesellschaft, in der Natur zunehmend zurückgedrängt wird. Die rhythmischen Rufe des Rap-Teils fügen sich ein und verleihen eine unmittelbare Energie. Nach dieser Zuspitzung öffnet sich der Klangraum erneut. Die Musik wird ruhiger, weicher, transparenter. Naturhafte Klänge kehren zurück. Am Ende des Symphonic Poems sind Kirchenglocken zu hören. Nach mehreren markanten rhythmischen Impulsen folgt ein letzter, kraftvoller Klang – weniger als Abschluss im klassischen Sinne, vielmehr als Zeichen eines Neubeginns.

MAURICE RAVEL

Ma mère l’oye

Dauer: ca. 25 Minuten
Entstehung: 1908 (Klavierfassung), 1911 (Orchestersuite)

Der Titel Ma mère l’oye (Meine Mutter Gans) mag ungewöhnlich erscheinen. Maurice Ravel orientierte sich für seine Suite an Märchen von Charles Perrault sowie von Marie-Catherine d’Aulnoy. Aus diesen literarischen Vorlagen entstanden fünf musikalische Miniaturen.

Ravel entwickelte das Werk im Umfeld der Familie Godebski, mit deren Kindern er befreundet war. Die ursprüngliche Klavierfassung war für sie gedacht, erst später entstand die orchestrierte Version. Trotz dieser Entstehungsgeschichte handelt es sich nicht um einfache oder naive Musik. Ravel arbeitet mit großer klanglicher Feinheit, mit transparenter Instrumentation und einer bewusst reduzierten musikalischen Sprache.

Die Suite beginnt mit der Pavane de la Belle au bois dormant, einer schwebenden, ruhigen Musik, die den Schlaf von Dornröschen einfängt. Der zweite Satz, Petit Poucet, führt in eine andere Stimmung. Vereinzelte Motive zeichnen den Weg des Kleinen Däumlings nach, der im Märchenwald die Orientierung verliert. Hoffnung und Verzweiflung liegen nah beieinander. Der dritte Satz, Laideronnette, impératrice des pagodes, greift Motive aus einem Märchen von Marie-Catherine d’Aulnoy auf. Pentatonische Wendungen und perkussive Effekte erzeugen eine fernöstlich anmutende Atmosphäre. Die Musik beschreibt eine märchenhafte Welt, in der das Fremde und Fantastische in den Vordergrund rückt. Es folgt Les entretiens de la Belle et de la Bête, ein musikalischer Dialog zwischen zwei gegensätzlichen Charakteren – der Schönen und dem Biest. Zartheit und Schwere, Sanftheit und Grobheit stehen einander gegenüber. Die Musik spiegelt dabei eine innere Entwicklung: Wahre Schönheit ist kein äußeres Merkmal, sondern das Ergebnis von Nähe, Verständnis und Verwandlung. 

Im finalen Satz Le jardin féerique öffnet sich ein lichtdurchfluteter Klangraum. Die Musik wirkt gelöst. Märchenhafte Motive kehren zurück und verbinden sich zu einem versöhnlichen Ausklang. Der verwunschene Garten steht sinnbildlich für das Ende der Märchenreise und einen Zustand der Ruhe und des Gleichgewichts.

Die Musik von Ma mère l’oye verzichtet auf dramatische Zuspitzung und setzt stattdessen auf Andeutung, Farbe und Atmosphäre. Diese Zurückhaltung verleiht dem Werk seine zeitlose Wirkung.

JOHANNES BRAHMS

Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83

Dauer: ca. 50 Minuten
Entstehung: 1878–1881

Erfolg und Zweifel lagen im Schaffen von Johannes Brahms oft nah beieinander. Nach der nur verhalten aufgenommenen Uraufführung seines Klavierkonzerts Nr. 1 beschäftigte ihn lange die Frage, ob und wie er sich diesem Genre erneut nähern sollte. Erst rund zwei Jahrzehnte später nahm Brahms die Arbeit an einem zweiten Klavierkonzert wieder auf. 1881 wurde das Werk vollendet.
Zeitweise dachte Brahms auch an eine Uraufführung im Leipziger Gewandhaus, jenem Ort, an dem sein erstes Klavierkonzert gescheitert war. Aus Unsicherheit und Vorsicht lud er Freunde ein, um sich ihrer Unterstützung zu versichern. Die geplante Aufführung musste jedoch verschoben werden, sodass die Uraufführung schließlich in Budapest stattfand. Dieses Mal war die Resonanz überwiegend positiv – ein wichtiger Moment der Bestätigung für Brahms.

Das Klavierkonzert Nr. 2 gliedert sich in vier Sätze. Konkrete interpretatorische Hinweise hinterließ Brahms nicht. Vielmehr eröffnet das Werk einen weiten musikalischen Raum, in dem sich Klavier und Orchester gleichberechtigt begegnen. Virtuosität tritt zugunsten eines dialogischen Miteinanders zurück. Bereits das berühmte Hornsolo zu Beginn weist auf den sinfonischen Charakter des Konzerts hin.

Als Inspirationsquelle gilt Brahms’ zweite Italienreise, die er gemeinsam mit seinem engen Freund, dem Chirurgen Theodor Billroth, unternahm. Zwar existierten bereits zuvor Entwürfe für ein zweites Klavierkonzert, doch erst diese Reise führte zu einer erneuten Auseinandersetzung mit dem Material. Das Ergebnis ist ein Werk von großer innerer Ausgeglichenheit, das zwischen Kraft und Ruhe, Spannung und Gelassenheit pendelt.

Der dritte Satz nahm für Billroth eine besondere Bedeutung ein. In einem Brief an Brahms bezeichnete er das Andante als Erinnerung an eine «Mondscheinnacht in Taormina». Die Musik entfaltet hier eine lyrische, weit gespannte Atmosphäre. Das berühmte Cellosolo verleiht dem Satz eine besondere Intimität, während Klavier und Orchester in ruhigem Austausch verharren. Landschaft, Erinnerung und innere Bewegung scheinen ineinander überzugehen.

Das Finale überrascht mit tänzerischer Leichtigkeit. Nach der sinfonischen Weite der vorherigen Sätze wirkt es gelöst und beinahe spielerisch. Volksmusikalische Anklänge und rhythmische Vitalität setzen einen heiteren Schlusspunkt für ein Werk ohne dramatische Effekte. Brahms setzte auf Balance, Dialog und klangliche Tiefe und schuf eines der bedeutendsten Konzerte des romantischen Repertoires.

Vanessa Kruk

Renchang Fu

Dirigent

Renchang Fu ist Musikdirektor und Chefdirigent des Wuhan Philharmonic Orchestra sowie Principal Guest Conductor des Xiamen Philharmonic Orchestra. Im Laufe seiner Karriere arbeitete er mit zahlreichen Sinfonieorchestern in Europa, Asien, Amerika und Ozeanien zusammen und dirigierte in international renommierten Konzertsälen wie der Berliner Philharmonie, der Elbphilharmonie und dem Royal Concertgebouw Amsterdam. Er studierte am Shanghai Conservatory of Music, an der Universität der Künste Berlin sowie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, wo er sein Studium mit dem Meisterklassensexamen abschloss. Prägende Impulse erhielt er u. a. von Sir Colin Davis und Jorma Panula in internationalen Dirigentenklassen. 1993 wurde er bei der ersten China Conducting Competition ausgezeichnet. Fu war Chefdirigent des Sinfonie Orchesters Berlin und leitete dort über zehn Jahre das traditionelle Neujahrskonzert in der Berliner Philharmonie. Von 2013 bis 2023 wirkte er als künstlerischer Leiter und Dirigent des Xiamen Philharmonic Orchestra. Neben seiner Dirigiertätigkeit ist er auch als Arrangeur und Komponist aktiv.

Haiou Zhang

Klavier

Haiou Zhang gilt als einer der bemerkenswertesten Pianisten seiner Generation. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er mit seiner Mozart-Einspielung, die als offizieller Soundtrack für die Netflix-Serie Haus des Geldes ausgewählt wurde. In der Saison 2024/2025 gab er Rezitals in der Elbphilharmonie im Rahmen von ProArte Hamburg sowie in der Philharmonie Mercatorhalle Duisburg, wo er vom Publikum mit minutenlangen stehenden Ovationen gefeiert wurde. Zuvor debütierte er ebenfalls bei ProArte Hamburg im ausverkauften Großen Saal der Elbphilharmonie. Darüber hinaus konzertierte er mit verschiedenen Orchestern in renommierten deutschen Spielstätten wie dem Großen Saal der Philharmonie Berlin, dem Gewandhaus Leipzig, der Meistersingerhalle Nürnberg und der Philharmonie Essen. Für sein Soloalbum My 2020 und die Kammermusik-Einspielung Dvořák & Glinka (hänssler CLASSIC) wurde Haiou Zhang zweimal für den International Classical Music Award nominiert. Seine Mozart-CD erhielt zudem zwei Nominierungen für den Opus Klassik. Insgesamt wurden alle sechs seiner bislang erschienenen CD-Produktionen in das Bordmusikprogramm der 
Lufthansa aufgenommen.

Impressum

HERAUSGEBER Philharmonisches Orchester Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 16 
GENERALMUSIKDIREKTOR Marc Niemann
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard 
REDAKTION Markus Tatzig, Torben Selk 

QUELLEN
Schmalzriedt, Siegfried: Ravels Klaviermusik. München 2006.
Ulm, Renate: Johannes Brahms. Das symphonische Werk. Kassel 2007.
Utz, Christian: Die Konstruktion des Archaischen. Natur, Stimme und kulturelle Identitäten in der Musik Tan Duns. Mainz 2000.

AUFFÜHRUNGSRECHTE
Symphonic Poem of Three Notes: La–Si–Do: Wise Music classical – Berlin / London
Ma mère l’oye: B-Note, Hagen im Bremischen / Reprint Durand-Verlag, Paris
Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden

Schließen-Button