Links stehen zwei Personen an einem Mikrofon. Vor ihnen befindet sich ein Notenständer. Eine der beiden Personen raucht eine Pfeife. In der Mitte sitzt ein Mann auf einem Koffer und hält die Arme vor dem Körper verschränkt. Rechts im Bild sitzt eine Frau auf einem Stuhl. Sie hält ein Paar Handschellen an ein Mikrofon.

True Crime: Die Thomaskatastrophe

Ein Live-Hörspiel von Coco Plümer // Uraufführung

PREMIERE 18. September 2026 // Kleines Haus

Vorstellungstermine

18.09.2026 um 19:30 Uhr AusverkauftPremiere
25.09.2026 um 19:30 Uhr Karten
08.10.2026 um 19:30 Uhr Karten
24.10.2026 um 19:30 Uhr Karten
12.11.2026 um 19:30 Uhr Karten
14.11.2026 um 19:30 Uhr Karten
23.12.2026 um 19:30 Uhr Ausverkauft

Am 11. Dezember 1875 ging in Bremerhaven eine Bombe hoch, die große Nachwirkungen hatte. Die schlimmste waren 83 Tote und massive Schäden am Hafen und in der Stadt. Psychologisch und wirtschaftlich verursachte die mit einem Zeitzünder versehene Bombe, die auf einem Passagierschiff versteckt werden sollte, enorme Angst. Und kurios war, dass der Attentäter William King Thomas ein notorischer Betrüger und krimineller Hochstapler war.

Das Stadttheater zeigt diese haarsträubende Geschichte als True-Crime-Hörspiel – mit live produzierten Sounds und Geräuschen. Das Stück lässt eines der prägendsten und zugleich fast vergessenen Ereignisse aus der Stadtgeschichte wieder lebendig werden.

INSZENIERUNG Luzie Kurth
BÜHNE & KOSTÜME Sven Hansen
GERÄUSCHE & SOUNDDESIGN Simone Nowicki
DRAMATURGIE Peter Hilton Fliegel 
LICHT Daniel Lang

 

DETECTIVE PINKERTON Lotta Hackbeil 
OBERINSPEKTOR SCHNEPEL Marc Vinzing 
WILLIAM KING THOMAS Frank Auerbach

LIVE-GERÄUSCHE Simone Nowicki 

WEITERE ROLLEN:
FRAU / ERMITTLER 1 / NORDEN / MARY / WALKER / TRIXI / CECELIA / POLIZEI / FUCHS / PIATT / ZEUGEN Lotta Hackbeil
ERMITTLER 2 / ONKEL / LINCOLN / BLACKBURN / POLIZEI / FABRIKANT / VERSICHERUNG / ZEUGEN Marc Vinzing
MANN / SANDY KEITH / ALEXANDER KEITH JR / SÜDEN / ALEXANDER THOMAS Frank Auerbach

 

REGIEASSISTENZ & INSPIZIENZ Finn Lorenzen
FSJ KULTUR Yaara Handrich

True Crime: Die Thomaskatastrophe

Ein Live-Hörspiel von Coco Plümer // Uraufführung

Chaos und Profit

Am 13. November 1827 kommt in der Grafschaft Caithness im Nordosten Schottlands, Alexander Keith auf die Welt. 48 Jahre später, am 16. Dezember 1875, stirbt er als William King Thomas in Bremerhaven an den Folgen von zwei Kopfschüssen, die er sich selbst zugefügt hat. Wer war dieser Mann, der Zeit seines Lebens nie einer geregelten Arbeit nachgegangen ist und alle paar Jahre den Namen und den Wohnort gewechselt hat?

Die deutsche Wikipedia führt ihn als «Schmuggler und Betrüger», die US-Historikerin Ann Larabee, die die einzige umfängliche Biografie über ihn verfasst hat, nennt ihn im Untertitel ihres Buches einen «Spion der Konföderierten, Trick-Betrüger und Massenmörder».

«Bedeutet Geld zu haben, 
dass ich entscheiden kann, 
was wahr und was falsch ist?
Sich selbst aussuchen zu dürfen,
was Recht und was Unrecht ist?»

Sandy Keith in «Die Thomaskatastrophe»

Alexander Keith hängt sich später nach der Einwanderung der Familie nach Halifax, Hauptstadt der kanadischen Ostküstenprovinz Nova Scotia, noch ein «Jr.» an, um zu verdeutlichen, dass er der Neffe seines mächtigen und reichen Onkels Alexander Keith ist. Für diesen arbeitet er als Sachbearbeiter (ohne jede Ausbildung). Seine Aufgabe ist es, Buch zu führen über die Ein-und Ausgänge aus dem Schwarzpulverlager, das der Onkel im Rahmen des Ausbaus der Eisenbahnlinie Halifax-Windsor betreibt. Und schon hier zeigt sich die kriminelle Energie von Sandy Keith, wie er genannt wird.

Sandy bezieht heimlich billigeres Schwarzpulver aus einem Lager in der Provinz, rechnet mit der Baufirma der Eisenbahnlinie das teure Pulver aus dem Lager seines Onkels ab und steckt die Differenz in die eigene Tasche. So kann er in den lokalen Hotel-Bars von Halifax den Dandy spielen, der Lokalrunden schmeißt und mit den Damen flirtet. Und als die Nummer aufzufliegen droht, sprengt er kurzerhand das Schwarzpulverlager in die Luft. Den Ermittlungen der Polizei entgeht er, weil Onkel Alexander hinter den Kulissen seine Macht als Bürgermeister spielen lässt.

An dieser Stelle könnte seine «Karriere» zu Ende sein. Aber der Ausbruch des US-amerikanischen Bürgerkriegs eröffnet dem inzwischen 33-jährigen Keith eine einmalige Chance. Da die katholischen Einwohner schottischer Herkunft in der noch zu England gehörigen Kolonie mehrheitlich mit den Südstaaten sympathisieren (und sei es nur aus gemeinsamer Feindschaft zu den protestantischen Yankees im Norden), wollen sie auch weiterhin mit den Südstaaten Handel treiben. Also versuchen sie die Seeblockaden, mit denen Lincoln und seine Regierung den Süden wirtschaftlich ausbluten wollen, zu durchbrechen. Keith lernt, dass man als Blockadebrecher viel Geld verdienen kann, vor allem wenn dauernd Schiffe untergehen, beschlagnahmt werden oder gar nicht erst auslaufen können. Jeder dieser Zwischenfälle eröffnet die Möglichkeit, die Summe, die man bereits vom Auftraggeber für den Schmuggel kassiert hat, einzustreichen, ohne den Auftrag jemals auszuführen.

Er erarbeitet sich in Halifax einen Ruf als großer Strippenzieher – bis ihm seine Gläubiger auf die Pelle rücken. Und als die Luft zu dünn wird, reist er Hals über Kopf nach New York City. Außerdem ist er an dilettantischen Terrorplänen beteiligt, mit denen Gleichgesinnte versuchen, die Nordstaaten politisch zu destabilisieren und den Präsidenten zu ermorden – was am Ende, wie wir wissen, dem Schauspieler John Wilkes Booth gelingt, als er am 14. April 1865 Lincoln bei einem Theaterbesuch von hinten in den Kopf schießt.

Zu diesem Zeitpunkt nennt sich Keith bereits Alexander Thomas und lebt unerkannt in Highland in Illinois. Als Ermittler der berühmten Detektei Pinkerton seine Spur aufnehmen, reist er kurzerhand mit seiner Frau Cecelia (eine undurchsichtige Hutmacherin aus New Orleans) nach Europa und sucht eine neue Heimat, die er am Ende in der Nähe von Dresden findet. Dort leben einige reiche US-Amerikaner, die sich wie Keith den Folgen des Bürgerkriegs entziehen wollen – die wenigsten aus lauteren Beweggründen.

Ab jetzt nennt er sich William King Thomas und lebt auf großem Fuß von seinem ergaunerten Geld. Aber auch das geht irgendwann zur Neige. Statt jetzt einfach irgendein ehrliches Geschäft in Angriff zu nehmen und ein bescheidenes Leben als Familienvater zu führen, reizt er die Kreditlinie seiner Bank aus und schmiedet einen teuflischen Plan. Er will eine Zeitbombe bauen, diese als teure Fracht versichern und verschiffen. Auf hoher See soll dann die Bombe hochgehen und das Schiff versenken. Damit wären sämtliche Spuren verwischt und er könnte die Versicherungssumme kassieren.

«Wenn ich entscheiden kann,
was Recht und was Unrecht ist,
kann ich machen, was ich will,
dann gibt es keine Grenzen.»

Sandy Keith in «Die Thomaskatastrophe»

Von allen diesen Stationen handelt Coco Plümers Text Die Thomaskatastrophe – und von der Frage, wer dieser Mann eigentlich war. Am Ende bleibt die erschreckende Erkenntnis, dass er nur ein von unstillbarem Geltungsdrang Getriebener war, dessen einziger Sinn im Leben darin bestand, immer und überall für Chaos und Verwirrung zu sorgen und möglichst viel Profit daraus zu schlagen. Und das komplett ohne jedes Mitgefühl. Ein erschreckendes Psychogramm, aber eines, das uns in der Geschichte leider immer wieder begegnet.

Peter Hilton Fliegel

Jekyll & Hyde

Der Täter dieses schrecklichen Verbrechens war der freundliche, umgängliche William King Thomas – sehr zum Schrecken seiner Freunde, die ihn als anständigen, wohlhabenden Bürger in Erinnerung hatten, einen freundlichen und liebevollen Vater seiner vier kleinen Kinder. Ein großer, freundlicher Bär von einem Mann, hatte Thomas immer das größte Vertrauen hervorgerufen. Aber William King Thomas war nicht, was er zu sein schien.

Hinter Jekyll verbarg sich ein Mr. Hyde, der Monate verbracht hatte, eine Zeitbombe für die Tat zu perfektionieren, die die London Times als «die teuflischste, die menschliche Bosheit je erdenken konnte,» bezeichnete. Zeitungsredakteure in der ganzen Welt bezeichneten Thomas als das «Dynamit-Scheusal,» einen Mann, der nichts dabei fand, Passagierschiffe und alle an Bord für den persönlichen Gewinn zu zerstören. Er schien aus dem neuen Zeitalter mit seinem überbordenden Kapitalismus und ungebremsten Gier das Schlimmste heraus zu destillieren. Reisende fürchteten, dass auch sie von einem weltgewandten Fremden hereingelegt werden könnten, der Bomben in den Laderäumen von Schiffen platzierte.

Der Mr. Hyde, den der freundliche Thomas so sorgfältig verkleidete, war seine wahre Identität: Alexander Keith, Jr., dessen Gewalttätigkeit tief in seiner Vergangenheit verborgen lag. Keith hatte einst während des Bürgerkriegs als Agent des konföderierten Geheimdienstes gedient und von seiner Basis in Halifax, Nova Scotia, aus einige der berüchtigtsten Terroranschläge dieses Krieges organisiert. Er war Teil einer wenig bekannten Unterwelt, eines Netzwerks von konföderierten Geheimagenten und Terroristen, meist sozial Unzufriedene und Außenseiter, die oft ihre politische Sache mit Profitgier verwechselten.

In ihrer Gier, Wut und Verzweiflung hatten sie kein schlechtes Gewissen, unschuldige Zivilisten ins Visier zu nehmen, wenn sie dachten, sie könnten so Reichtum und Ruhm erlangen, indem sie einen vernichtenden Schlag gegen den Norden führten. Keith war eine tickende Zeitbombe, die schließlich explodieren würde, zum fassungslosen Entsetzen der westlichen Welt.

Ann Larabee

AUGENZEUGEN

Zeuge 1: «Auf der Mosel wurden wir sämtlich zu Boden geschleudert, und es vergingen Minuten, bis die Unverletzten sich zu erheben vermochten. In der ersten Betäubung wusste niemand, was geschehen sei. Ein angstvoller Blick über Bord zeigte: Menschen, Pferde und Wagen sind verschwunden – ein entsetzliches Leichenfeld breitet sich vor uns aus. Der Jammer und die Wehklagen grässlich Verstümmelter dringen an unser Ohr; brennende Kleidungsstücke bedecken die zerrissenen Leiber.«

Zeuge 2: «Ein Gang durch die Straßen Bremerhavens zeigte auch hier überall Spuren der Verwüstung. In den zunächst gelegenen Gebäuden blieb kein Fenster unzerstört. Türen wurden aus den Angeln gerissen oder zersplittert, und selbst in größerer Entfernung war kaum ein Haus unversehrt geblieben. Bruchstücke von Fenster- und Spiegelscheiben bedeckten die Straßen nach allen Richtungen hin.»

Zeuge 3: «Im ersten Augenblicke glaubte man allgemein an eine Kesselexplosion des naheliegenden Bugsierdampfers Simson, dessen Deck ebenfalls zertrümmert war. Sehr bald ergab sich, dass unter den zuletzt angekommenen Gütern eine Kiste oder ein Fass mit Sprengstoffen gewesen sein musste, welche beim Verladen explodiert waren. Da, wo der Wagen gestanden, war ein Loch von drei Meter Durchmesser und zwei Meter Tiefe in die feste Pflasterung des Anlageplatzes gedrückt worden.»

Zeuge 4: «Alles strömte der Unglücksstätte zu, und was tätige Nächstenliebe zu tun vermag, geschah in aufopferndster Weise. Die Leichtverwundeten wurden in die Stadt geführt, den Schwerverwundeten wurde in der nahen Wartehalle von Ärzten der erste Verband angelegt, während man die Leichen und versprengten Körperteile sammelte und in Körben und Wagen noch dem Barackenlazarett brachte.»

Coco Plümer

Impressum

HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2026/2027, Nr. 2
INTENDANT Lars Tietje 
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Peter Hilton Fliegel
SATZ Nathalie Langmaack 

QUELLEN
Ann Larabee: The Dynamite Fiend, New York 2005, übersetzt mit Quillbot, bearbeitet von Peter Hilton Fliegel
TRUE CRIME: DIE THOMASKATASTROPHE – ein Live-Hörspiel von Coco Plümer

Die Texte wurden zum Teil redaktionell gekürzt oder bearbeitet. Urheber:innen, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.

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