DRECKSPFAU
Eine Pfauenmutter legt ihr Ei verlassen im Wald ab und macht sich davon – schließlich hat sie schon genug Pfauenkinder. Der kleine Pfau schlüpft, ihm fällt ein vermodertes Zaunkönigsnest auf den Kopf und der Dreck verteilt sich auf sein Federkleid. Sein Schicksal in der Gesellschaft ist von nun an vorbestimmt: Er wird zu einem kriminellen, von der Mutter verlassenen, Dreckspfau, mit dessen Federn sich niemand schmücken möchte.
Auch der kleine Spatz, der ab und an vorbeifliegt, leistet ihm keinen Beistand, sondern zeigt ihm eher auf, was aus ihm hätte werden können, wenn seine Mutter alles richtig gemacht hätte. Und auch die Unterstützung, die der Wind herbeiweht, gibt lieber kluge Hinweise, anstatt ihm zu helfen. Für Dreckspfau bleibt nur eine Lösung: ein Bestseller über seine Lebensgeschichte. Nur leider fehlt ihm der Zugang zum Internet, zu Schreibprogrammen und eben zu Bildung.
BUSSARD IM BETON DER VERNUNFT
Bussard lebt in einer Halle aus Beton und ihn treibt nur eins um: «Ich hol’ mir die Mäuse.» Zusätzlich öffnet er anderen Vögeln, die in die Halle möchten, über einen roten Knopf eine Luke. In der Halle aus Beton befindet sich zudem ein gläsener Kokon. Diesem Kokon teilen unterschiedliche Vögel ihre Fragen, Gedanken und Sorgen mit und fliegen – ohne Antwort – wieder davon.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist man sich sicher, dass bei Bussard ein Problem vorherrschen muss. Warum sonst lebt er dort in dieser Halle aus Beton? Philosoph:innen sind der Meinung, dass Bussard von einem Gebot dominiert wird, was einer inneren Überzeugung der Verpflichtung gleicht. Psycholog:innen vertreten die Ansicht, Bussard leide an einer schizophrenen Störung, die Bussard überhaupt gar nicht an eine Flucht denken lasse. Bussard interessiert das alles herzlich wenig, er legt einfach nur ein Ei.
FLAMINGOS dance!
Krähe wird ständig von Mutter angeschrien. Mutter ist alleinerziehend und sehr überfordert mit der Situation. Krähes Zimmer ist ihr zu unordentlich und außerdem hat er den Termin beim Psychodoktor vergessen, an den – selbstverständlich – er hätte denken sollen.
Krähe ist regelmäßig alleine zu Hause, da seine Mutter abends sehr gerne unterwegs ist. In dieser Zeit kreiert er sich die wunderbarsten Fantasiewelten und spielt mit seinen heißgeliebten Flamingos, die in ihrem Schaukasten ein beengtes Leben fristen. Den Schaukasten mit den Flamingos hat Krähe von seinem Vater geschenkt bekommen, bevor dieser die Familie verlassen hat und mit anderen Zugvögeln in den Süden geflogen ist. Es gibt nur eins, was Krähe über seine Flamingos nicht weiß: Sie sind lebendig!
«Was ist das Pinke da? Mein Gott, das müssen sie sein: die Flamingos!»Krähe in «Bookpink»
PUTE
Eine Pute erbaut sich aus dem besonderen Halbedelstein Serpentinit ein Energiezentrum und lässt sich dabei von Hahn und Huhn helfen. Später gründet Pute mit Artgenossen in ihrem Palast eine Sekte und möchte von Hahn und Huhn nichts mehr wissen – blöd nur, dass der Halbedelstein Asbest enthält und keine Pute mehr lebendig aus diesem Palast herauskommt. Nicht Hahns und Huhns Problem, sie gehen mit ihrer Asbestose, die sie sich beim Bau des Palastes zugezogen haben, an den Fluss, schnappen frische Luft und daddeln mit ihrem Game Boy.
DIE SUMPFMEISE
Der Sumpfmeise Veroniko war es wichtig, für ein neues Meisenbild einzutreten und so trifft er die Entscheidung, sich nicht mehr die Beine zu rasieren und die Brust nur noch für sich selbst zurecht zu rücken und nicht mehr für das andere Geschlecht. Völlig unverständlich für Kohlmeise, Blaumeise und Weidenmeise. Sie sind der Meinung, dass man nichts verändern müsste und einfach akzeptieren sollte, dass die Meisenmänner eben das schönere Geschlecht sind. Veroniko entschied aber, das fremde Gewässer mit seinen rasierten Beinen zu überqueren. Kein leichtes Unterfangen, denn zu fliegen war aufgrund eines Unwetters nicht möglich. Das Gewässer musste schwimmend überquert werden. Doch der Weg über das Gewässer war für ihn zu herausfordernd und so scheiterte er.
«Wir Meisen sind nun einmal das schönere Geschlecht.»Blaumeise in «Bookpink»
WEIßE TAUBE
Eine weiße Taube träumt von einem besseren Leben als Opern-sängerin, sie hegt eine besondere Affinität zur Hochkultur, nur leider lebt sie auf einem Campingplatz, auf dem schlechte Chart-Musik zum Alltag gehört und schon am frühen Nachmittag Bier und Pommes verzehrt werden. Manchmal geht es auch mit ihr durch, sie lässt sich auf das Niveau der Camper herab und pickt eine fettige Pommes auf. Hochkultur und Pommes vom dreckigen Boden, passt das zusammen?
«Vom Barock träume ich im Winter nie.»Weiße Taube in «Bookpink»
ZUR AUTORIN
Caren Jeß wurde 1985 in Eckernförde geboren und studierte Philologie und Neuere deutsche Literatur. Als zeitgenössische Dramatikerin schreibt sie Texte und Dramen, wie z.B. Deine Mutter oder der Schrei der Möwe, Der Popper, Die Katze Eleonore, Knechte, Eleos und Bookpink.
Ihre Sprache ist präzise und ihr feiner, oft trockener Humor schmückt ihre Texte im Detail.
Sie thematisiert häufig gesellschaftliche Fragen und verbindet sie mit persönlichen Konflikten. Die Figuren verhandeln Sehnsüchte und spiegeln auch mal Klischees wider. Ihre Texte sind geprägt von detaillierten Beschreibungen, pointierten Dialogen und einer großen Sensibilität für Zwischentöne. Sie hat eine besondere Affinität dafür, Mensch und Tier in ihren Dramen zu vereinen. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet und sind an zahlreichen deutschsprachigen Theatern zu sehen. Jeß lebt als Schriftstellerin in Dresden.
«Ihr Theaterfiguren kommt zurück in Scharen!»Anmerkung von Caren Jeß in «Bookpink»
«‹Hör mal, min Lütte, de kleene Bookpink›, sagte meine Großmutter, saß in ihrem Gartenstuhl, genoss die Sonne, und dass sie die Spitzhacke für eine Weile an den Schuppen lehnen konnte. Ich bestaunte meine Großmutter und begriff, dass es sich lohnte, den Vögeln Beachtung zu schenken. Die Präsentation dieses dramatischen Kompendiums obliegt den Möglichkeiten des theatralen Raumes. In ihn fliegen die Vögel als bedruckte Blätter – als Kreaturen gehen sie aus ihm hervor. Verwandlung ist ein gleichermaßen natürlicher wie künstlicher Vorgang.»
Vorwort von Caren Jeß
ZUM STÜCK
In Bookpink verhandeln unterschiedliche Vogelarten soziale und gesellschaftliche Probleme und blicken aus ihrer Perspektive, der Vogelperspektive, auf Konflikte der Menschen und das, was sie beschäftigt. Die Szenen sind kleine, in sich geschlossene, Geschichten, die an Fabeln erinnern und jeweils ein menschliches Phänomen behandeln. Durch die Nutzung von Vögeln als Figuren, die diese Konflikte verhandeln, schafft Jeß eine Distanz zu Themen, die sich sonst schwer anfühlen und verleiht diesen Witz und Leichtigkeit. Ohne die Figuren vorzuführen, rekonstruiert sie Klischees und hält so dem Publikum einen Spiegel vor.
Der gesamte Text ist ein kleines Kunstwerk. Jeder Satz und jedes Zeichen ist für die Bühne verwertbar: Überschriften, Vorworte oder Regieanweisungen können genauso inszeniert und genutzt werden wie Monologe und Dialoge. Jeß verwebt zudem Sprichwörter und Redewendungen über Vögel in ihre Szenen, aber nicht auf ihre ursprüngliche Art. Sie dekonstruiert sie und kreiert so neue Bilder.
Erzähler:in in «Bookpink»«Fuck, sollte das erste
Wort sein, das er sprach.
Von niemanden hatte er es gelernt,
nein, er trug es intuitiv in sich.»
Impressum
HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 18
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Justine Wiechmann
SATZ Nathalie Langmaack
QUELLEN
Jeß, Caren: Bookpink. Dramatisches Kompendium. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2018.
Die Texte wurden zum Teil redaktionell gekürzt oder bearbeitet. Urheber:innen, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.
