Zum Inhalt
Ermordete Krankenschwestern und Patienten, die sich für berühmte Physiker halten: Newton, Einstein und Möbius sind Bewohner der Anstalt Les Cerisiers. Während sowohl Newton als auch Einstein eine Krankenschwester tötet, behauptet Möbius, er werde immer wieder vom König Salomo heimgesucht, der ihm geheimnisvolle Befehle erteilt. Für die Psychiaterin von Zahnd steht fest: keiner der Männer ist zurechnungsfähig – bis auch Möbius eine Schwester tötet. Es wird immer deutlicher, dass hinter den drei Physikern mehr steckt, als es zunächst scheint. Doch wem kann hier überhaupt noch getraut werden? Was passiert, wenn Gedanken gefährlich werden? Wer hat Schuld, wenn Forschung unabsehbare Folgen hat? Und kann man überhaupt noch «richtig» handeln, wenn eine Entdeckung nicht mehr rückgängig zu machen ist?
Dürrenmatt setzt sich in De Physikers auf spannende und tragisch komische Art mit der Verantwortung der Wissenschaft auseinander. Dabei wird bis zur schlimmstmöglichen Wendung gedacht – und das Publikum darf sich gleichzeitig wundern, lachen und grübeln.
Zum Autor
Obwohl Dürrenmatt selbst behauptet, er habe keine Biografie, zählt er zu einem der prägendsten Dramatikern des 20. Jahrhunderts. 1921 in Konolfingen geboren weiß der junge Friedrich früh, dass er Künstler werden will, interessiert sich jedoch gleichermaßen für das Schreiben und das Malen. Nach einem abgebrochenen Studium der Philosophie, Germanistik und Naturwissenschaften widmet er sich schnell einer schriftstellerischen Laufbahn und feiert mit, es steht geschrieben 1947, seine erste Premiere am Zürcher Schauspielhaus. Das Autorendasein bringt ihn jedoch wiederholt in finanzielle Schwierigkeiten, sodass er neben Theaterstücken auch Kritiken, Romane oder Hörspiele schreibt. Seinen ersten großen Erfolg feiert er 1952 mit Die Ehe des Herrn Mississippi an den Münchner Kammerspielen, der endgültige Durchbruch gelingt ihm vier Jahre später mit Der Besuch der alten Dame. Das Stück macht Dürrenmatt zum Weltautor und erhöht den Andrang auf neue Werke.
Trotz Kritik behält er die Freude am Experimentieren und lässt seine eigenen Interessen in seine Arbeit einfließen. Dürrenmatt sieht eine Philosophie in der Naturwissenschaft, die ihn sein Leben lang beschäftigt, was letztlich zu seinem Welterfolg Die Physiker (1962) führt. Seinen letzten Triumph hat Dürrenmatt mit Der Meteor (1966), die Beliebtheit seiner früheren Werke hallt jedoch nach und bringt ihm letztlich eine finanzielle Sicherheit, die es ihm erlaubt, weiterhin unkonventionell zu schreiben.
1990 stirbt Dürrenmatt an Herzversagen und hinterlässt eine Sammlung an zeitlosen Werken, die bis heute auf der Theaterbühne gespielt werden.
Lara Möhrle
Dürrenmatts «21 Punkte zu den ‹Physikern›»
- Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte aus.
- Geht man von einer Geschichte aus, muß sie zu Ende gedacht werden.
- Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.
- Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.
- Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen.
- Träger einer dramatischen Handlung sind Menschen.
- Der Zufall in einer dramatischen Handlung besteht darin, wann und wo wer zufällig wem begegnet.
- Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.
- Planmäßig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der Zufall trifft sie immer dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: Das, was sie befürchteten, was sie zu vermeiden suchten (z.B. Ödipus) .
- Eine solche Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig).
- Sie ist paradox.
- Ebenso wenig wie die Logiker können die Dramatiker das Paradoxe vermeiden.
- Ebenso wenig wie die Logiker können die Physiker das Paradoxe vermeiden.
- Ein Drama über die Physiker muss paradox sein.
- Es kann nicht den Inhalt der Physik zum Ziel haben, sondern nur ihre Auswirkungen.
- Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.
- Was alle angeht, können nur alle lösen.
- Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muß scheitern.
- Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit.
- Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus.
- Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit auszusetzen, aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu überwältigen.
(Geschrieben für den Sammelband Komödien 11 und Frühe Stücke, Verlag der Arche, Zürich 1962.)
Möbius in «De Physikers»«Wat eenmal dacht wurr, kann nich mehr trüch nahmen warrn.»
Die Tragikomödie
Die Tragikomödie zeichnet sich vor allem dadurch aus, tragische und komische Elemente in einem Drama zu verbinden. Auf der einen Seite steht die Komödie, welche traditionell eher den Alltag von Figuren aus niedrigeren sozialen Schichten darstellt. Sie verwendet eher «derb-lustige» Sprache und endet mit einem glücklichen Ausgang. Die Tragödie wiederum zeigt Konflikte höhergestellter Figuren in eher gehobener Sprache. Ihr Ausgang ist meist ernst oder tragisch. Durch die gemeinsame Verwendung innerhalb eines einzelnen Stückes entsteht eine Kontrastwirkung, die im Zuschauer Verunsicherung oder widersprüchliche Gefühle auslösen kann. Tragik und Komik können dabei unterschiedlich eingesetzt werden. Sie können aufeinander folgen, was einen besonders starken Kontrast auslöst – diese Art kann u. a. in Shakespeares Hamlet (ca. 1601) gesehen werden. In seinem Stück King Lear (1606) wiederum kommen tragische und komische Elemente gleichzeitig vor. Molières Der Geizige (1668) zeigt dazu, wie sich die beiden Merkmale gegenseitig bedingen können: die komischen Eigenschaften einer Figur können gleichzeitig ihre Tragik kennzeichnen.
Möbius in «De Physikers»«In de Freeheit sünd us Gedanken Sprengstoff.»
Zum ersten Mal wurde der Begriff der Tragikomödie in der Antike verwendet: Plautus ließ seinen Amphitruo im Prolog als solchen ankündigen, weil Sklaven und Götter gemeinsam auftreten. Die Gründung einer eigenen Gattung stand jedoch noch nicht in Aussicht, vielmehr sollte die starke Trennung der Komödie und Tragödie hinterfragt werden. Erst in der Renaissance entwickelt Guarini mit Il Pastor Fido (1590) zum ersten Mal eine Begründung für eine eigenständige Mittelgattung, die weder rein komisch noch rein tragisch wirkt. Auch Shakespeare spielt bereits mit dem Nebeneinander tragischer und komischer Szenen.
Im 18. Jahrhundert verändert der Zugang des Bürgertums zum Theater das Verhältnis erneut: die strikte Trennung der Gattungen gerät ins Wanken. Lessing beschreibt eine tragikomische Wirkung, bei der Ernst und Lachen so unmittelbar ineinandergreifen, dass man beides nicht mehr auseinanderhalten kann. Als eine der ersten modernen Tragikomödien kann Hebbels Ein Trauerspiel in Sizilien (1847) gesehen werden. Zu dieser Zeit wird die Gattung zur philosophischen Haltung: sie funktioniert als Antwort auf eine widersprüchliche, sinnlos gewordene Welt. Zu einer dominanten Form wandelt sich die Tragikomödie schließlich im 20. Jahrhundert. Autoren wie Ionesco (Die Stühle, 1952) und Dürrenmatt (Der Besuch der alten Dame, 1956) machen das Zusammenspiel von Tragik und Komik zum Kennzeichen einer Moderne, in der es keine eindeutigen Wahrheiten mehr zu geben scheint.
Dürrenmatt behauptet in seinen Theaterproblemen (1955), «wir können das Tragische aus der Komödie heraus erzielen». Die Aussage zeigt die Struktur seiner Werke gut: die Komödie dient ihm als Grundform und das Tragische entsteht aus ihr heraus. Nicht umsonst benennt er selbst seine Stücke nicht mit dem Begriff der Tragikomödie, sondern mit der «tragischen Komödie». Doch egal ob «Tragikomödie» oder «tragische Komödie» – dass Dürrenmatt die Entwicklung der Gattung maßgeblich geprägt hat, ist unumstritten.
Lara Möhrle
Wusstest Du, dass …
... die Rolle der Dr. von Zahnd ursprünglich für einen Mann geschrieben wurde? Die Schauspielerin Therese Giehse soll Dürrenmatt dazu gebracht haben, sie umzuschreiben.
... Die Physiker 1962/63, nur eine Spielzeit nach der Uraufführung, das meistgespielteste Stück auf deutschsprachigen Bühnen war?
... das Stück in einem der unruhigsten Momente des Kalten Krieges entstand? Die Uraufführung fand im gleichen Jahr statt wie
die Kubakrise.
Impressum
HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 23
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Justine Wiechmann
SATZ Nathalie Langmaack
QUELLEN
Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. (32. Auflage) Zürich: Diogenes 2012 (Friedrich Dürrenmatt. Werkausgabe in siebenunddreißig Bänden 7).
Ueding, Gert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Berlin/Boston: De Gruyter 2012 (Band 10).
Weber, Ulrich/Mauz, Andreas/Stingelin, Martin (Hrsg.): Dürrenmatt Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: J.B. Metzler 2020.
Die Texte «Zum Inhalt», «Zum Autor» und «Tragikomödie» sind Originalbeiträge von Lara Möhrle für diesen Programmflyer. Die Texte und Zitate wurden zum Teil redaktionell gekürzt oder bearbeitet.
Urheber:innen, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.
