Die Möwe

Tragikomödie von Anton Tschechow / in einer Bearbeitung von Martin Crimp / Deutsch von Peter Hilton Fliegel
// Deutschsprachige Erstaufführung

PREMIERE 10. Januar 2026 // Großes Haus

Vorstellungstermine

10.01.2026 um 19:30 Uhr KartenPremiere
16.01.2026 um 19:30 Uhr Karten
25.01.2026 um 15:00 Uhr Karten
01.02.2026 um 18:00 Uhr Karten
05.02.2026 um 19:30 Uhr Karten
21.02.2026 um 19:30 Uhr Karten
28.02.2026 um 19:30 Uhr Karten
20.03.2026 um 19:30 Uhr KartenZum Letzen Mal

Kostja hat einen Monolog geschrieben, der das Theater revolutionieren soll. Die von ihm geliebte Nina soll ihn spielen. Nicht gerechnet hat der Jung-Dichter mit dem Spott der Gesellschaft, angeführt von seiner eigenen Mutter, der Theater-Diva Irina Arkadina. Die wiederum versucht, ihr Älterwerden mit einem jungen Liebhaber zu übertünchen, dem nichts Besseres einfällt, als sich in Nina zu verlieben.
In Tschechows berühmter «Komödienreise ins Herz der Finsternis» (G. Stadelmaier) sind alle unglücklich in die falschen Leute verliebt und jammern darüber, dass das Geld nicht reicht. Dass es Wichtigeres gäbe als den eigenen Bauchnabel, fällt ihnen nur selten auf, und auch dann wird die Erkenntnis mit Ironie zugedeckt.

INSZENIERUNG Tobias Rott
BÜHNE & KOSTÜME Cornelia Brey
DRAMATURGIE Peter Hilton Fliegel
LICHT Katharina Konopka

 

IRINA ARKADINA (EINE SCHAUSPIELERIN) Marsha B Zimmermann
KONSTANTIN TREPLJOW (IHR SOHN) Alexander Smirzitz
PJOTR SORIN (IHR BRUDER) Kay Krause
NINA ZARETSCHNAJA (EINE JUNGE  FRAU, TOCHTER EINES REICHEN LANDBESITZERS) Julia Lindhorst-Apfelthaler
ILJA SCHAMRAJEW (EIN EHEMALIGER LEUTNANT, VERWALTER VON SORINS HOF) Frank Auerbach
POLINA SCHAMRAJEW (SEINE FRAU) Angelika Hofstetter
MASCHA SCHAMRAJEW (IHRE TOCHTER) Anna Caterina Fadda
ALEXEJ TRIGORIN (EIN ERFOLGSAUTOR) Leon Häder
JEWGENI DORN (EIN ARZT) Henning Z Bäcker
SEMJON MEDWJEDENKO (EIN LEHRER) Marc Vinzing

JAKOW (EIN ARBEITER) N. N. (Statist)
KOCH N. N. (Statist)
DIENSTMÄDCHEN N. N. (Statist)

 

REGIEASSISTENZ Florian Thiel
INSPIZIENZ Regina Wittmar
SOUFLAGFE Lea Beckmann

Die Möwe

Tragikomödie von Anton Tschechow

Ein Sackvoll Liebe

Im Oktober 1895, mit 35 Jahren, schreibt Tschechow an seinen Verleger Suworin, dass er an einem Stück arbeite, «das ich, wahrscheinlich, nicht vor November abschließen werde. Ich schreibe nicht ohne Vergnügen daran, obwohl ich mich schrecklich an den Bedingungen der Bühne vergehe. Eine Komödie, drei Frauenrollen, sechs Männerrollen, vier Akte, eine Landschaft (Blick auf einen See); viele Gespräche über Literatur, wenig Handlung, ein Pud [40 russische Pfund, also am ehesten ‹ein Sackvoll›], Liebe. Der Titel dieser Komödie heißt Die Möwe.» In den folgenden Wochen muss beim Schreiben noch eine Frauenrolle dazugekommen sein, jedenfalls schreibt Tschechow am 21.11. wieder an Suworin: «Ich habe mein Stück abgeschlossen. Ich habe es forte begonnen und pianissimo beendet – gegen alle Regeln der dramatischen Kunst.»

Beide Zitate erzählen eine ganze Menge, sowohl über das Stück als auch über seinen Autor. Und sie verraten über beide wiederum fast gar nichts, ganz im Sinn von Tschechow. Bei ihm ist alles ganz einfach, fast banal, sowie tiefgründig und geheimnisvoll zugleich. Er hat fast nie über sich selbst gesprochen, und wenn, dann nur sehr sparsam und leicht. Dabei hat er in seinem kurzen Leben viele Kämpfe gekämpft. Aber er misstraute der dramatischen Selbstdarstellung zutiefst. Und zugleich wollte er die Kontrolle behalten über sein Innenleben, und das war nur möglich, indem er extrem sparsam damit umging, wem er Einblick gewährte.

Ganz anders dagegen seine Figuren: Die sind so theatralisch, extrovertiert und seelenvoll, wie man es von russischen Figuren erwartet, einerseits. Andererseits muss man sie mit maximaler Leichtigkeit spielen, weil einen sonst sofort ihr Schöpfer auch 120 Jahre nach seinem Tod über das Grab hinaus bestraft. Sie sind zwar selbstsüchtig, egozentrisch, lieben oder hassen sich selbst, trinken zu viel oder gar nicht, lieben aus voller Seele und werden nicht zurückgeliebt, klagen ihr Leid und werden nicht gehört, haben ständig Geldsorgen – mit oder ohne Grund, und sie sind allesamt Spiegelbilder von Tschechows innerster Seele. Tschechow selbst schreibt in einem Brief an seine Frau, die Schauspielerin Olga Knipper: «Die überwiegende Mehrheit der Menschen ... leidet, die Minderheit verspürt den scharfen Schmerz, aber wo – wo auf den Straßen und in den Häusern – sehen Sie Menschen, die hin und her rennen, springen, sich an den Kopf fassen? Das Leiden muss man so darstellen, wie es sich im Leben äußert, d.h. nicht mit Händen und Füßen, sondern im Tonfall, im Blick; nicht mit wildem Gestikulieren, sondern mit Grazie.»

Dem ist nichts hinzuzufügen. Und der Inhalt des Stücks? Lohnt einer Zusammenfassung nicht. Es passiert ja gar nichts, einerseits. Andererseits wäre es schade, wenn man vorher schon wüsste, was passiert. Bei Tschechow ist es wie im richtigen Leben: Ob heute etwas Entscheidendes passiert, weiß man nie. Meistens passiert nicht viel. Und manchmal alles auf einmal. Und dann merkt man es immer zu spät.

Peter Hilton Fliegel

Selbstschutz als Überlebensprinzip

«Geboren wurde ich 1860 in Taganrog. 1879 beendete ich das Gymnasium in Taganrog. 1884 beendete ich das Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Moskau. 1888 bekam ich den Puškinpreis. 1890 unternahm ich eine Reise nach Sachalin durch Sibirien und zurück übers Meer. 1891 unternahm ich eine Tournee durch Europa, wo ich sehr guten Wein getrunken und Austern gegessen habe ... Zu schreiben begann ich 1879 in der ‹Strekoza› ... Ich habe auch im dramatischen Fach gesündigt, wenn auch mit Maßen ... In die Mysterien der Liebe eingeweiht wurde ich, als ich 13 Jahre alt war. Mit meinen Kollegen – Medizinern wie Literaten – pflege ich ausgezeichnete Beziehungen. Junggeselle.»

Diese paar Zeilen, die Tschechow 1892 auf Wunsch eines befreundeten Zeitschriftenredakteurs aufschreibt, verraten vor allem, was er nicht sagt. Zum Beispiel verliert er kein Wort darüber, dass er bereits seit acht Jahren an Tuberkulose litt und 1884 einen ersten heftigen Blutsturz überlebt hatte. Oder dass seine Reise nach Sachalin dem Zweck diente, die grauenerregenden Zustände in russischen Gefangenenlagern zu dokumentieren und zu veröffentlichen, was ihm nicht nur Freunde einbrachte. Oder dass die «Tournee» durch Europa eine Reise aus Gründen der Gesundheit war, um über den Winter im wärmeren Klima Südeuropas besser mit seinen kranken Lungen zurechtzukommen. Ganz zu schweigen davon, dass er zwischen seiner Geburt 1860 und dem Beginn des Schreibens 1877 (für Geld wohlgemerkt, um noch vor dem Abitur seine verarmten Eltern zu ernähren), in bitterer Armut aufgewachsen war, mit einem heuchlerisch gläubigen Vater, der statt sich um seinen schlecht laufenden Krämerladen zu kümmern, den Tag in der Kirche verbrachte und zu Hause seine Kinder verprügelte.

Tschechow war ein Mensch, der schon als Kind lernen musste, sein Innenleben zu schützen, und der das geschafft hat, ohne dabei selbst hart zu werden. Krisen machte er mit sich selbst aus. Anderen half er wortlos und ohne Dank zu erwarten. Jammern hasste er. Zum Beispiel schrieb er seinem ältesten Bruder Alexander, als dieser Probleme in seiner Ehe andeutete: «Lebe Dein Leben und Amen. Ich an Deiner Stelle würde, wäre ich verheiratet, niemandem auch nur eine Meinung darüber gestatten, nicht einmal den Wunsch, mich zu verstehen. Das ist mein ‹Ich›, mein Departement.»

«Warum seid ihr alle so verspannt?»
Anton Tschechow

Tschechow war ein sehr verschlossener und zugleich heiterer Mensch. Schon als Jugendlicher liebte er die Verkleidung, die Camouflage. Zu Hause führte er für seine Geschwister kleine Spottszenen auf den Vater auf. Und mit seinem jüngeren Bruder schlich er sich ins Stadttheater von Taganrog, dessen Besuch Schülern verboten war, indem er sich mit einem langen Mantel, einem falschen Bart und einer Brille tarnte. Ein schönes Beispiel für seine Widerstandsfähigkeit ist sein Pseudonym, unter dem er seine frühen Texte veröffentlichte, weil es ihm peinlich war, Texte nur für Geld zu schreiben. Er nannte sich Antosa Čechonte. Das war der Spottname, den ihm ein Lehrer verpasst hatte und in dem für Russischsprachige die Herkunft seines Vaters mitschwingt, der noch als Leibeigener auf die Welt gekommen war. Tschechow entzieht der Diskriminierung als Nachkomme eines Leibeigenen, die ihm in der Schule ständig vorgehalten wurde, die Macht, indem er sie sich selbst aneignet. Das ist Selbstverteidigung auf höchstem Niveau. Er ließ das Pseudonym erst fallen, als seine Texte seinen eigenen literarischen Ansprüchen genügten. 

Selbst im Sterben bewahrt er seine lebenslang eingeübte Leichtigkeit. Seine Frau Olga Knipper schreibt in ihren Memoiren: «Er ließ sich Champagner bringen, setzte sich auf und sagte irgendwie bedeutungsvoll laut zu dem Arzt: ‹Ich sterbe.› Dann nahm er das Glas, drehte sein Gesicht zu mir, lächelte sein wunderbares Lächeln, sagte: ‹Ich habe so lange keinen Champagner mehr getrunken›, trank das Glas in Ruhe aus, legte sich still auf die linke Seite und war bald für immer verstummt.»

Peter Hilton Fliegel

«‹Beruhige dich› ist das schlimmste, was man zu jemanden sagen kann, der seine Ruhe verloren hat!»
Yasmina Reza

Zur Fassung

Dieser Text ist entstanden für die Inszenierung des Stücks 2006 am National Theatre, London, in der Regie von Katie Mitchell und einem Bühnenbild von Vicki Mortimer.

1895 geschrieben, wirft das Stück einen Blick zurück ins neunzehnte Jahrhundert und voraus ins zwanzigste. Das ist zwar kulturell faszinierend, dramaturgisch aber eher nicht. Deshalb habe ich mich entschieden, einiges von der Mechanik des damaligen Theaters zu entfernen, mit dem Ziel, das Stück für ein heutiges Publikum direkter zu machen. Praktisch bedeutet das: Ich habe die Exposition gekürzt und das Beiseitesprechen sowie die Selbstgespräche gestrichen.

Um den «exotischen» Effekt der russischen Namen einzudämmen, hat jede Figur nur einen Vor- und einen Nachnamen. Diese Namen werden verwendet wie im heutigen Englisch.

In dieser Lesart des Stückes gibt es keine echten Außenszenen. Akt Zwei spielt bei Tschechow auf einem Crockett-Feld. In dieser Fassung findet er jedoch im selben (veränderten) Esszimmer wie Akt Vier statt. Um ihn wieder auf das Crockett-Feld zu verlegen, bedarf es keiner Änderungen im gesprochenen Text.

Mit Akt Eins ist es etwas komplizierter. Die Bühne hat eine 180-Grad-Drehung erfahren, sodass die Schauspielerinnen und Schauspieler in Richtung des Sees nicht nach hinten blicken, sondern nach vorne in den Zuschauerraum.

Martin Crimp

Impressum

HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 12
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Peter Hilton Fliegel
SATZ Nathalie Langmaack 

QUELLEN
Elsbeth Wolffheim: Anton Čechov. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlts Monographien. Bd. 307). Rowohlt, Reinbek 1988
Anton Chekhov, The Seagull, in a version by Martin Crimp, based on a literal translation and critical commentary by Helen Rappaport; Faber & Faber Ldt, London 2006, © by Martin Crimp 2006 (Übersetzt von Peter Hilton Fliegel)
«KUNST», Eine Komödie von Yasmina Reza, aus dem Französischen von Eugen Helmlé, Agentur Rainer Witzenbacher, München

Die Texte wurden zum Teil redaktionell gekürzt oder bearbeitet. Urheber:innen, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.

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Besetzung

Ein Mikrofon mit Popschutz.

Prolog

Kurzeinführung zum Stück

Prolog

Kurzeinführung zum Stück

Einleitung zum Stück als Audio-Datei

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