Handlung
1. Akt
Violetta Valéry arbeitet in einem Edel-Escort-Club. Sie ist schwer krank, nimmt aber weiter an den berüchtigten Feiern ihrer Freundin Flora Bervoix teil. Dort gesteht der Charmeur Alfredo Germont ihr seine Liebe. Sie gibt ihm eine Kamelie und bittet ihn, zurück-zukommen, sobald die Blume verblüht ist. Die Gäste verabschieden sich. Die beiden kommen sich näher. Doch Violetta spürt schon den Tod im Nacken.
2. Akt
Wenige Monate später leben die beiden zusammen. Violetta hat ihr Leben als Escort-Dame aufgegeben. Doch Alfredos Vater sieht den guten Ruf seiner Familie und die Verlobung seiner Tochter gefährdet. Die beiden sollen sich trennen. Schweren Herzens gibt Violetta nach – wissend, dass ihr sowieso nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie schreibt Alfredo einen Brief, ihr früheres Leben wiederaufnehmen zu wollen. Alfredo findet sie auf einer Feier von Flora wieder – zusammen mit Barone Douphol, den sie schon länger kennt. Alfredo wird wütend. Zum Ärger der Gäste und seines Vaters stellt er Violetta bloß. Der Barone fordert Alfredo zum Duell.
3. Akt
Violetta liegt im Sterben. Als Escort-Dame kann sie schon lange nicht mehr arbeiten, ihren Besitz musste sie aufgeben. Alfredo hat das Duell überlebt und sucht Violetta reumütig auf, um sich zu entschuldigen. Auch sein Vater fühlt sich schuldig, den beiden so viel Leiden bereitet zu haben. Noch einmal zieht Violettas Leben an ihr vorbei. War alles nur ein Traum?
Normandie
Violettas Schicksal beruht auf einer wahren Begebenheit: 1824 wurde in einem kleinen Dorf der Normandie Alphonsine Plessis geboren. Schon als Kind musste sie helfen, Geld ins Haus zu bringen. Sie arbeitete in einer Wäscherei, in einer Regenschirmfabrik und einem Gasthaus. Ihr Vater soll sie misshandelt und schon früh zur Prostitution gezwungen haben. 1839 schickte er sie nach Paris, wo sie zunächst wieder in einer Wäscherei anfing, bald aber eine Lehre in einem Modegeschäft antreten konnte. Das Geld reichte trotzdem nicht. Wie tausende andere Mädchen musste sie sich weiter prostituieren.
Alexandre Dumas d. J. über Marie Duplessis«Marie war geistreich und uneigennützig. Sie besaß eine angeborene Vornehmheit und hatte einen anmutigen, fast hoheitsvollen Gang. Eine Frau von Welt.»
Doch etwas schien sie von anderen zu unterscheiden. Judith Bernat, eine Schauspielerin vom Théâtre des Variétés beschrieb sie als «sehr schlank, aber graziös und sehr zart. Sie hatte ein ovales, engelhaftes Gesicht, schwarze, sanft melancholische Augen, einen strahlenden Teint und prachtvolles Haar.» Nach einem Jahr wurde sie mit Agénor Duc de Guiche-Gramont gesehen, dem späteren Außenminister von Napoleon III. Ihren Namen hatte sie inzwischen zu Marie Duplessis geändert. Die finanziellen Mittel nutzte sie, um Lesen, Schreiben, Fremdsprachen und Klavierspielen zu lernen. Sie empfing Besuch und ließ sich in Cafés und Theatern sehen. Abends ging sie tanzen oder widmete sich Glückspielen. So gelangte Marie in jene höchsten Kreise, die ihren sonstigen Kolleginnen versperrt blieben. Alexandre Dumas d. J., Franz Liszt und der über siebzig Jahre alte Baron Gustav von Stackelberg, der beim Wiener Kongress Russland repräsentierte, wurden Liebhaber. Am 3. Februar 1847 starb Marie schließlich mit nur 23 Jahren an Tuberkulose. Sie hinterließ Spuren, wie nur wenige Frauen zu ihrer Zeit.
Paris
Dumas war so fasziniert von Duplessis’ Geschichte, dass er ihr 1848 mit Die Kameliendame einen eigenen Roman widmete. Einige Personen der wahren Begebenheit lassen sich darin wiederfinden: Aus Marie Duplessis wurde Marguerite Gautier und aus Alexandre Dumas Armand Duval. Deutlich umfangreicher als in der späteren Oper schildert Dumas, wie sich die beiden ineinander verlieben: Zunächst wird Armand auf einer Straße auf Marguerite aufmerksam. Fasziniert von ihr, wartet er stocksteif vor Nervosität in der Pariser Opéra-Comique in ihrer Loge auf sie. Die ist naturgemäß amüsiert. Als sie seine Eifersucht bemerkt, fängt sie an, ihn zu verspotten und zu ignorieren. Armand schwankt nun zwischen Rückzugsgedanken und extremer Glorifizierung. Als er von ihrer Krankheit erfährt, fällt er wieder in Verliebtheit, findet ihre Adresse heraus und lauert ihr vor ihrem Haus auf. Er lernt Marguerites Haushälterin kennen und quetscht so im wahrsten Sinne einen Fuß in die Tür. Als Marguerite sich von einem Kunden gelangweilt fühlt, findet die Haushälterin die «Lösung» und bittet Armand, einzutreten und Marguerite von ihrer Langeweile zu «befreien». Und Armand hat Erfolg. Nach einigem Hin und Her verliebt sich schließlich auch Marguerite in Armand.
Violetta Valéry«Die Liebe ist der Herzschlag
des Universums.»
In Paris wurde der Roman 1852 auch als Theaterstück aufgeführt. Giuseppe Verdi sah das Stück und soll gleich am nächsten Tag begonnen haben, erste Skizzen der Oper anzufertigen. Seine Begeisterung scheint naheliegend, wenn man sich einige biografische Parallelen vor Augen führt: Verdis Frau starb 1842. Seitdem lebte er mit der Sängerin Giuseppina Strepponi in einer «wilden Ehe», also in einer gesellschaftlich ähnlich geächteten Beziehung wie die zwischen Violetta und Alfredo. Doch Verdi blieb ruhig: «Ich habe nichts zu verbergen. In meinem Haus lebt eine freie, unabhängige Dame. Weder ich noch sie sind irgendwem über unser Tun Rechenschaft schuldig.»
Venedig
Francesco Maria Piave schrieb das Libretto, die Uraufführung sollte am Teatro la Fenice in Venedig stattfinden. Ein Hindernis: Die venezianische Zensur, die Verdi schon beim Rigoletto zu schaffen machte. Auch für La traviata musste Verdi Abstriche machen. Amore e morte, also Liebe und Tod, als angedachter Titel ging schon mal gar nicht, daher Verdis Entgegenkommen mit La traviata – «Die vom rechten Weg Abgekommene». Auch sonst liest sich das Libretto im Sinne der Zensoren: Brav ins 17. Jahrhundert verlegt, um mögliche Bezüge zur Gegenwart ja auszuschließen, Violetta demütig ihre «Sünden» beichtend, ihr Umfeld sie verachtend. Dass eine Kurtisane im Mittelpunkt stand, eckte zwar an. Aber der harsche Ton, der gegen Violetta fiel, stimmte die Zensoren milde.
Doch Verdi trickste. Er wusste: Die Zensoren können zwar lesen. Aber keine Partitur. Die Musik zeigt mit ihrer Modernität und ihren Belcanto-Zitaten eine tiefe, ungemein vielschichtige Empathie für Violetta. Selbst von Alfredos Vater Giorgio Germont drängt sich nach wenigen Momenten eine tiefe Erschütterung auf. Verdis Signal ist eindeutig: Die Konventionen sind unmenschlich. Egal, auf welcher Seite sie stehen: Alle Figuren leiden unter ihnen. Entsprechend fühlten sich Zensoren und Öffentlichkeit bei der Uraufführung am 6. März 1853 vor den Kopf gestoßen. Die Produktion wurde zum Flop. Erst mit der zweiten am 6. Mai 1854 am venezianischen Teatro San Benedetto drang Verdis Musik beim Publikum durch. Mit einem Erfolg, der bis heute anhält.
Alexandre Dumas d. J. in «Die Kameliendame»«An fünfundzwanzig Tagen im
Monat waren die Kamelien weiß,
das hieß, Marguerite war verfügbar.
Rote an den übrigen Tagen hießen, Marguerite war vergeben.»
Europa
Das Team um Regisseurin Katharina Kastening sowie Bühnenbildner und Kostümbildner Matthias Kronfuss zeigt, wie aktuell Violettas Schicksal auch heute noch ist: Es inszeniert Violetta als junge Geflüchtete, die mit ihren Kindern nach Zentraleuropa kam. Um sich ihre Existenz zu sichern, entschied sie sich für ein Leben im Edel-Escort. Dort hat sie dank ihrer Sexualität zwar Macht. Jedoch innerhalb eines klar eingegrenzten Rahmens, aus dem sie nie wird ausbrechen können. Wesentliche Stationen in Violettas Leben stehen im Vordergrund: Der 1. Akt zeigt Violetta als Prostituierte in einem Pariser Strip-Club. Der 2. Akt Violetta als Mutter, nachdem sie mit Alfredo in eine Wohnung zog. Sie will mit Alfredo ein neues Leben mit einer Familie anfangen, was zumindest kurz gelingt. Im 3. Akt liegt der Schwerpunkt auf Violetta als sterbende Patientin in einem Pariser Krankenhaus. Videoeinspielungen streuen immer wieder Erinnerungen ein. Der Chor umrahmt dabei Violettas Handlungen. Schwarz gekleidet, ist er ihre Erinnerung, ihr verdrängtes Trauma und der nahende Tod. Er umringt sie wie ein Schatten. Wie eine Wahrheit, die sie nicht loswerden kann.
Ihre Liebe zu Alfredo wiederum ist instabil. Das liegt vor allem auch an Alfredo selbst. Aus einem neureichen Vorort stammend ist er es gewohnt, keine Konsequenzen fürchten zu müssen. Für ihn verkörpert Violetta eine exotische Welt. Sie ist ein Spiel für ihn, auf das er sich gedankenlos einlässt. Er ist naiv, toxisch, kontrollsüchtig. Das hat er auch von seinem Vater gelernt, der in seiner Konservativität und sexuellen Übergriffigkeit an manch moderne Regierungsoberhäupter erinnert. Violetta kann diese Machtstrukturen zwar nicht durchbrechen. Aber sie weiß sich zu behaupten und versteht es, Selbstachtung zu erkämpfen.
Torben Selk
Impressum
HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 19
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
GENERALMUSIKDIREKTOR Marc Niemann
REDAKTION Torben Selk
SATZ Nathalie Langmaack
QUELLEN
Budden, Julian: The Two Traviatas. Proceedings of the Royal Musical Association Nr. 99. 1972.
Dumas, Alexandre: Die Kameliendame. München 2008.
Kerman, Joseph: Verdi and the Undoing of Women. Cambridge Opera Journal Nr. 18. 2006.
Die Texte «Handlung», «Normandie», «Paris», «Venedig» und «Europa» von Torben Selk sind Originalbeiträge für diesen Programmflyer. Zitate wurden teils redaktionell bearbeitet.
Urheber:innen, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.
