Revolution!
Im Feudalismus war der König ein absoluter Herrscher von Gottes Gnaden. Der Adel beherrschte die Gerichte und der Klerus hatte uneingeschränkte Macht. Alle anderen, vom gebildeten Wissenschaftler bis zum analphabetischen Tagelöhner, hatten keinerlei politische Rechte. Selbstständige konnten sich nur durch persönliche Finanzkraft einen beschränkten Freiraum erkämpfen, Bauern mussten ein Siebtel ihrer Ernte an den Adel abtreten, wohlhabende Städter zahlten Steuern an König und Kirche – und das obwohl alle zusammen ca. 98% der Bevölkerung ausmachten.
So ungerecht dieses System war, es sorgte für eine gewisse Stabilität, solange hauptsächlich Sachwirtschaft und Tauschhandel dominierten und die hohe Bildung einigen wenigen vorbehalten war. Mit der Ausbreitung einer frühkapitalistischen Finanzwirtschaft, höherem Wohlstand in den Städten und damit einer höheren Bildung breiterer Schichten, verschoben sich die tektonischen Verhältnisse der Gesellschaft. Einerseits konnte man sich jetzt verschulden, was zu größeren Abhängigkeiten führte. Andererseits hatten mehr Menschen Zugang zu Bildung und waren so in der Lage, das System an sich zu durchschauen und in Frage zu stellen.
Die Verschiebung der finanziellen Verhältnisse hin zu großem Reichtum in den Städten und vermehrter Armut auf dem Land führte zu massiven Steuerausfällen in der Kasse des Königshofs. Dem gegenüber standen horrende Ausgaben eines aufgeblähten Hofstaats und steigende Kosten für das Militär. Der Hof in Versailles brauchte dringend Geld und da Ludwig XVI. keinen Rückhalt bei den vom Adel kontrollierten Gerichten hatte, in Zukunft auch den Adel und die Kirche zu besteuern, berief er zum ersten Mal seit 1614 die Versammlung der Generalstände ein. Diese bestand aus je 300 Vertretern der drei Stände Klerus, Adel und Bürger. Jetzt hatten diese drei Gruppen aber nicht jede 300 Stimmen, sondern jeweils eine, sodass 2% der Bevölkerung, die zudem ähnliche Interessen hatten, mit einer 2:1 Mehrheit über die restlichen 98% bestimmen konnten.
Im Vorfeld der Versammlung im Mai 1789 machte der dritte Stand Druck und rang dem König das Zugeständnis ab, mit 600 Abgeordneten statt 300 teilzunehmen. Ludwig XVI. war offenbar kein großer Stratege, denn ihm war nicht klar geworden, dass der dritte Stand jetzt nur noch die Forderung durchsetzen musste, dass jeder Abgeordnete eine Stimme bekommt, um die Versammlung zu beherrschen.
Die Streitschrift eines fortschrittlichen Geistlichen hatte mit drei schlichten Fragen für den nötigen Druck aus dem Volk gesorgt: «Was ist der dritte Stand? Alles. – Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? Nichts! – Was verlangt er? Etwas zu sein.» Außerdem lasen immer mehr Menschen die Schriften des Philosophen Jean-Jacques Rousseau, der geschrieben hatte, dass alle Menschen von Geburt frei und gleich seien. Folglich brauchte niemand einen König, der einem Rechte gewährt. In dieser Gemengelage war es nur noch ein kleiner Schritt, dass aus der Versammlung der Generalstände die Nationalversammlung wird, die die Abschaffung der Monarchie fordert, eine Verfassung entwirft und die Hoheit über die Finanzen fordert. Als König, Adel und Klerus sich weigern, die Beschlüsse der Nationalversammlung anzuerkennen, schwören die Abgeordneten des dritten Standes am 20. Juni 1789, nicht eher auseinanderzugehen, bis die neue Verfassung verabschiedet ist.
Die Missernte des Vorjahres und ein harter Winter sorgen für einen extremen Anstieg der Lebensmittelpreise und das Volk auf der Straße verliert langsam die Geduld mit den Abgeordneten, die hinter verschlossenen Türen um die Vorherrschaft im Staat ringen. Der König lässt Truppen aufmarschieren und am 14. Juli ist es soweit: über hunderttausend Einwohner der Stadt Paris (etwa ein Sechstel der Bevölkerung) versammelt sich vor dem Gefängnis Bastille, in dem Waffen und Munition lagern, um es zu stürmen. Es ist der Beginn der Revolution und das Ende des Feudalismus.
In den nächsten Tagen und Wochen erheben sich in ganz Frankreich Bauern und Handwerker auf dem Land und stürmen Schlösser und Klöster. Viele Abgeordnete, auch des dritten Standes, fordern ein Ende der Revolte und den Schutz des Rechts auf Eigentum. Damit zeigt sich eine gesellschaftliche Kluft, die den Fortgang der Revolution beeinflussen wird.
Zunächst einigt sich die Nationalversammlung auf eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, in der – wegweisend für ganz Europa – bürgerliche Freiheiten, Gleichheit vor dem Gesetz, die Rechte auf Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen staatliche Willkür festgeschrieben werden – für Männer versteht sich.
Offen bleibt die Frage, was mit dem König und der Monarchie geschehen soll. Die Nationalversammlung spricht sich für eine konstitutionelle Monarchie aus (wie es sie bis heute in England oder den Niederlanden gibt). Am 3. September 1791 wird endlich die Verfassung verabschiedet. Gleichzeitig mehren sich aber die Stimmen, die eine komplette Abschaffung der Monarchie, die Absetzung des Königs und die Ausrufung einer Republik fordern, in der nur noch das Volk herrscht. Unter etwa einem Dutzend verschiedener Strömungen in der Nationalversammlung setzen sich unter Führung des Anwalts Maximilien de Robespierre die Jakobiner durch, weil sie es verstehen, sich mit den sogenannten «Sans culottes» zu verbünden. So nennen sich die Einwohner von Paris, die keine Kniebundhosen tragen, ein Merkmal der Aristokraten.
Als dann 1792 die Nationalversammlung Österreich und Preußen den Krieg erklärt, um zu verhindern, dass Ludwig XVI. sich mit diesen verbündet, um seine alte Macht wiederherzustellen, stürmen die Sansculotten den Palast in Versailles, setzen den König ab und rufen die Republik aus. Die Hinrichtung des Königs am 21. Januar 1793 ist der Auftakt zur Schreckensherrschaft der Jakobiner und ihres sogenannten Wohlfahrtsausschusses. Unter Führung von Robespierre, der es versteht, sich als Beschützer der Sansculotten zu gerieren, wird jeder hingerichtet, der womöglich einen erneuten Umsturz und damit das Ende der Revolution plant oder befürwortet. Jeder, der in diesen Verdacht gerät, muss vor ein Tribunal und wird meist ohne lange Diskussion zum Tod verurteilt. Erst im Juli 1794, als Robespierre selbst festgenommen und hingerichtet wird, endet die Schreckensherrschaft. Frankreich ist jetzt von Terror gezeichnet und in einen Krieg mit seinen europäischen Nachbarn verstrickt. In der Armee steigt ein junger General namens Napoleon Bonaparte schnell zum Alleinherrscher auf, krönt sich 1804 zum Kaiser und beendet damit die später sogenannte Erste Republik Frankreichs.
Peter Hilton Fliegel
Der Autor
Peter Jordan, 1967 in Dortmund geboren, studierte zunächst Medizin, weil er Unfallchirurg werden wollte. Er brach das Studium allerdings ab, um Schauspieler zu werden. Das Studium an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater brach er dann auch nach zweieinhalb Jahren ab. Trotzdem führte ihn sein Anfängerengagement 1994/1995 ans Volkstheater Rostock. Ein Jahr später ging er ans Schauspielhaus Bochum, mit Leander Haussmann als Intendant.
Danach war er von 2000 bis 2009 am Thalia Theater Hamburg engagiert. Seitdem ist er freischaffend. Neben dem Theater war und ist er in unzähligen Kino- und Fernsehfilmen zu sehen und in Hörspielen und -büchern zu hören. Gemeinsam mit dem Regisseur Leonhard Koppelmann arbeitet er zudem seit geraumer Zeit als Autor und Regisseur.
Neben inzwischen neun Stücken, die bis auf eines alle auf bestehenden, oft historischen Stoffen basieren schrieb Jordan für den Geiger Daniel Hope auch eine neue deutsche Fassung von Igor Stravinskys Geschichte vom Soldaten (Uraufführung: 26.02.2019 Philharmonie Luxembourg). Im Oktober 2025 erschien bei dtv sein autobiographischer, erzählender Essay Kein schöner Land.
Die Uraufführung von Marie-Antoinette oder Kuchen für alle inszenierte er zusammen mit Leonhard Koppelmann am 30. Oktober 2022 in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Berlin.
Ludwig XVI. in «Marie-Antoinette oder Kuchen für alle»«Ich befehle Euch zu tun,
was das Volk seit Jahrhunderten tut:
zu gehorchen»
Einkommensungleicheit
Die Einkommen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt, wenn man die Entwicklung seit Ende der 1990er Jahre vergleicht. Zudem gibt es Indizien dafür, dass die Einkommensungleichheit während der Coronajahre gestiegen ist. Auch die Armutsquote liegt mit 16,7 Prozent 2022 höher als vor Beginn der Pandemie.
Insbesondere dauerhafte Armut (mindestens fünf Jahre in Folge) hat die gesellschaftliche Teilhabe schon vor der jüngsten Teuerungswelle stark eingeschränkt: Dauerhaft Arme müssen etwa deutlich häufiger auf Güter des alltäglichen Lebens verzichten, sie können seltener angemessen heizen. Und sie machen sich deutlich häufiger Sorgen um ihre Gesundheit und sind mit ihrem Leben unzufriedener.
Auch das Gefühl, anerkannt und wertgeschätzt zu werden und das Vertrauen in demokratische und staatliche Institutionen hängen stark mit dem Einkommen zusammen. Arme empfinden weitaus häufiger als Menschen mit mehr Geld, «dass andere auf mich herabsehen», wobei das Problem unter Menschen in dauerhafter Armut noch weitaus ausgeprägter ist als bei temporärer Armut. Mehr als die Hälfte der Armen hat nur wenig Vertrauen in Parteien und Politiker:innen. Rund ein Drittel vertraut dem Rechtssystem allenfalls in geringem Maße. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. «Wenn sich Menschen gesellschaftlich nicht mehr wertgeschätzt fühlen und das Vertrauen in das politische System verlieren, dann leidet darunter auch die Demokratie», ordnen die Studienautor:innen Dr. Jan Brülle und Dr. Dorothee Spannagel ihre Befunde ein. «Für 44 Prozent der Erwerbspersonen, die wir im Juli [2023] befragt haben, war das ein großes Thema», ergänzt Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, die wissenschaftliche Direktorin des WSI: «Mehr und wirksameres politisches Engagement gegen Armut und Ungleichheit ist ein wesentlicher Ansatz, um die Gesellschaft zusammen- und funktionsfähig zu halten, gerade in Zeiten großer Veränderungen und der Herausforderung durch Populisten.»
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung
Impressum
HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 21
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Peter Hilton Fliegel
QUELLEN
Artikel: Die Französische Revolution von Kerstin Hilt; www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/die_franzoesische_revolution/index.html; Erstveröffentlichung 2020 zur Sendung «Deutschland und Frankreich – erst Feind dann Freund». Letzte Aktualisierung 12.03.2021
https://www.rowohlt-theaterverlag.de/autor/peter-jordan-203
https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Jordan_(Schauspieler)
https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-studie-armut-ist-risiko-fur-demokratie-53417.htm
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