Handlung
Vorgeschichte
Der Barbier Benjamin Barker führte einst ein glückliches Leben mit seiner Frau Lucy und der gemeinsamen Tochter Johanna, bis Richter Turpin ihn unschuldig nach Australien verbannen ließ. Turpin missbrauchte Lucy und nahm Johanna als Mündel bei sich auf. Barker verschwand. Sein Glück blieb zerstört zurück.
1. Akt
Fünfzehn Jahre später kehrt Barker unter dem Namen Sweeney Todd nach London zurück – begleitet vom jungen Seefahrer Anthony Hope. Von Rache getrieben, sucht Sweeney seine alte Heimat auf und trifft auf Mrs. Lovett, die Besitzerin eines heruntergekommenen Pastetenladens. In ihren Räumen nimmt er sein früheres Handwerk als Barbier wieder auf. Eine geheimnisvolle Bettlerin scheint mehr zu wissen, als gut ist.
Anthony verliebt sich in Johanna und fasst den Entschluss, sie aus Turpins Gewalt zu befreien.
Sweeney und Mrs. Lovett begegnen dem selbsternannten Wunderbarbier Adolfo Pirelli und dessen Gehilfen Tobias Ragg. Ein öffentlicher Wettstreit entscheidet über Können und Ruhm. Sweeney gewinnt. Doch Pirelli will ihn erpressen. Ein fataler Fehler: Sweeney bringt ihn um. Kurz darauf steht ausgerechnet Richter Turpin vor seiner Tür. Die Rache ist greifbar nah. Doch Anthony platzt dazwischen, Turpin entkommt. Außer sich vor Wut fasst Sweeney einen mörderischen Entschluss: Von nun an soll kein Kunde seinen Laden lebend verlassen. Mrs. Lovett liefert die pragmatische Idee zur Verwertung der Leichen: als Pasteten.
2. Akt
Mrs. Lovetts Geschäft floriert. Sie träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit Sweeney.
Johannas Situation hingegen verschlimmert sich dramatisch: Weil sie Turpin die Ehe verweigert, wird sie in eine Irrenanstalt gesperrt. Sweeney und Anthony planen ihre Befreiung und nutzen Johanna zugleich als Köder. Turpins Ende scheint besiegelt.
Doch Rache fordert ihren Preis.
Zum Sterben gut
Wer war eigentlich Sweeney Todd? Auf der Suche nach einem mutmaßlichen Vorgänger führt eine Spur zu Londons The Annual Register von 1785: «Ein Barbier war seit langem eifersüchtig auf seine Frau, konnte ihr jedoch nichts nachweisen. Ein junger Herr, der zufällig in den Salon nahe der Hyde Park Corner kam und stark alkoholisiert war, erwähnte, dass er in der Nacht zuvor von einem hübschen Mädchen Gefälligkeiten erhalten habe. Er beschrieb sie. Der Barbier kam zu dem Schluss, dass es sich um seine Frau handelte und schnitt dem jungen Herrn in seiner rasenden Wut die Kehle von Ohr zu Ohr durch und floh.» Dieser Sweeney Todd sollte am Ende etwa um die 160 Kunden ermordet haben, womit er als einer der erfolgreichsten Serienmörder in die Geschichte einging. 1801 sollte er schließlich gehängt werden. Aber wie konnte eine solche Mordserie überhaupt möglich sein? Die Industrialisierung führte im viktorianischen London zu explodierenden Bevölkerungszahlen. Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und schlechte hygienische Bedingungen waren die Folge. Gesetzlosigkeit breitete sich aus, Menschen flohen in Kriminalität und Prostitution. Die Fleet Street bot Kriminellen mit ihren Seitengassen und Tunneln die perfekten Bedingungen, um zu fliehen oder sich zu verstecken.
Jane Austen«Die Wahrheit ist: London kränkelt immer. Niemand in London ist gesund, niemand kann es sein.»
So auch für Sweeney Todd. Seine Geschichte bildete die Vorlage für den Roman The String of Pearls, der 1846–1847 serienweise in einer Londoner Zeitschrift erschien. Nur Details unterscheiden sich von Stephen Sondheims Musical, das 1979 am Broadway uraufgeführt wurde: Sweeney bringt etwa die Knochen der Leichen spottend in die Krypta unter der St. Dunstan’s Church, die für eine rigide Bekämpfung der Kriminalität bekannt war. Zudem hält Mrs. Lovett im Keller einen Koch gefangen, der die Leichen zu Pasteten verarbeitet. Es gelingt ihm schließlich, zu fliehen und die Machenschaften aufzudecken. Sondheim fügte eine wesentliche Änderung hinzu: Todds Rache erhielt eine Motivation. Nämlich dessen Verbannung nach Australien sowie die Vergewaltigung von dessen Frau Lucy und die Adoption von Johanna, allesamt durch den Richter Turpin. So wird Todd vom bloßen Meuchelmörder zu einer tragischen Figur, für die man, zumindest vorerst, Mitleid empfinden kann.
Nachgeschmack
Bucks County 1940, Speckgürtel von Philadelphia: Stephen Sondheim ist zehn Jahre alt, als seine Eltern sich trennen. Ein Bruch, der sein Leben und Werk prägen wird. Seine Mutter projiziere die Wut über ihren Ex-Mann auf Stephen, heißt es später. Es ist von psychischem Missbrauch die Rede. Etwa, wenn die Mutter Stephen einen Brief schreibt. Ihr einziger Fehler sei es, Stephen jemals geboren zu haben. Der Konflikt wird Sondheim sein gesamtes Leben beschäftigen. Der Beerdigung seiner Mutter 1992 etwa wird er nach 20 Jahren Kontaktlosigkeit nicht beiwohnen. Seine Musik wird für ihn zum Mittel, diese Themen zu verarbeiten. Fragen nach Schuld, Gerechtigkeit, Treue und Abschluss werden wesentliche Bestandteile seines Werks. Häufig in Form von unglücklichen Ehen: etwa in Follies, A little Night Music oder Into the Woods.
Auch in Sweeney Todd schwingen diese Themen mit. Auch Sweeneys Ehe ist zerstört. Mit dem Unterschied, dass sie nie unglücklich war. Vielmehr wurde sie von außen durch den Richter zerstört. Sweeneys altes Leben ist bei seiner Rückkehr nicht wiederherstellbar: Er kann nur unter einem Decknamen in London leben, Lucy und Johanna wähnt er verloren. Gegen dieses Gefühl der Ohnmacht musste wohl auch Sondheim als Kind ankämpfen. Zunächst angesichts der Scheidung seiner Eltern. Aber auch wegen der Ungerechtigkeit seiner Mutter. In Sweeney Todd spielt Sondheim durch, was bei einer konsequent vollzogenen Rache gegen dieses auferlegte Leid passieren kann: Sweeney wird vom Opfer zum Massenmörder.
Das Böse zieht ihn selbst zum Bösen.
Auf der Rasierklinge
Sondheims Musik ist besonders. Seine Vorbilder waren nicht nur Oscar Hammerstein und George Gershwin, sondern auch Maurice Ravel, Sergei Prokofjew und Benjamin Britten. So bedient sich Sondheim in der Motivbearbeitung und Orchestration auch deren Techniken. Aber dezent. Oft merkt das Publikum gar nicht, wenn es gerade eine vierstimmige Fuge hört, wie zu Beginn von Sweeney Todd. Oder wenn Leitmotive erklingen, z. B. das Ball-Motiv, das erstmals bei Mrs. Lovetts Erzählung über Lucys Vergewaltigung durch den Richter erscheint. In der Folge tritt es immer wieder kommentierend auf, etwa wenn der Richter seine Adoptivtochter Johanna belästigt.
Doch Sondheim will intellektuell nicht überladen, sondern sinnlich in den Bann ziehen. Seine Musik hat immer etwas Mystisches. Historische Zitate verstärken dies. Um Sweeney Todd eine schauernde Färbung zu verleihen, verwendet Sondheim das Dies Irae-Motiv aus der mittelalterlichen Totenmesse, auf das schon Hector Berlioz, Pjotr Tschaikowski oder Franz Liszt zurückgriffen. Zugleich scheut er sich nicht vor Dissonanzen: Wie in Filmen von Alfred Hitchcock verkörpern sie etwa bei der Bettlerin oder im Irrenhaus die Sphäre psychischer Zerrüttung, während rein harmonisierte Melodien heile Wunschwelten abbilden, etwa bei Tobias.
Trotzdem: Sweeney Todd ist keine Oper. Seine Musik erfordert keine Opernstimmen. Sie passt sich leichteren Musical-Stimmen an oder bildet wie im Film oft den atmosphärischen Hintergrund über Dialogen. Sondheim bedient sich Mitteln des Musicals, des Films und der Oper gleichermaßen. Und schafft es, vermeintlich konträre Genres zu vereinen.
Ein Schnitt, der sitzt
Die Ballade von Sweeney Todd heißt die erste Nummer. Und auch wenn man Sweeney Todd auf Anhieb nicht mit einer Ballade oder mit Märchen in Verbindung bringen würde: Es gibt durchaus Parallelen. Denn die Geschichten von Balladen mussten sofort packen, sonst wäre das zuströmende Publikum gleich wieder verschwunden. Auch Sweeney Todd ist derart konstruiert: mit einem klaren Spannungs-bogen, Grusel, Übertreibung und schwarzem Humor. Sweeney Todd ist keine Sozialkritik im Sinne von Bertolt Brecht. Sondheim selbst wies Parallelen zurück, er wolle lieber unterhalten.
Stephen Sondheim«Ich liebe das Theater so sehr wie die Musik. Das Publikum zu erreichen, es lachen und weinen, es einfach fühlen zu lassen – das ist das Wichtigste für mich.»
Das Team um Regisseur Toni Burkhardt, Bühnenbildner Wolfgang kurima Rauschning und Kostümbildnerin Adriana Mortelliti greift diese balladenartige Erzählweise auf. Beginnend mit der Bühne: Die ist zunächst nämlich leer. Ein Sänger erscheint und führt in die Geschichte ein. Immer mehr Personen treten hinzu, ehe sie ihre Rollen einnehmen und das viktorianische London auf die Bühne fährt.
Dort werden die Figuren überspitzt dargestellt. Alle werden an ihrer Zeit verrückt: Sweeney kann sich bis zum Schluss nicht von seinem Wahn nach Rache befreien. Er wird apathisch. Mrs. Lovett ist mittellos und unglücklich in Sweeney verliebt. Sie wird derb und verschlagen. Richter Turpin wiederum ist nach außen zwar allmächtig, nach innen aber völlig seinen Gelüsten unterlegen. So scheint allen Figuren zu einem komischen Ausmaß etwas zu fehlen. Ihre Konturen sind starr. Ein Schnitt, der sitzt.
Torben Selk
Impressum
HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 15
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
REDAKTION Torben Selk
QUELLEN
Bond, Christopher: Sweeney Todd. The Demon Barber of Fleet Street. New York 1974.
Blyton, Carey: Sondheims Sweeney Todd. Cambridge 1984.
Haining, Peter: Sweeney Todd. The real story of the demon barber of Fleet Street. New York 1993.
Die Texte «Handlung», «Zum Sterben gut», «Nachgeschmack», «Auf der Rasierklinge» und «Ein Schnitt, der sitzt» von Torben Selk sind Originalbeiträge für diesen Programmflyer. Zitate wurden teils redaktionell bearbeitet.
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