GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN
Wo Nähe entsteht, beginnt das Risiko …
Liebe ist kein geschützter Raum, sondern ein Spannungsfeld – zwischen Begehren und Kontrolle, Vertrauen und Verletzung, Autonomie und Verlust. Gefährliche Liebschaften vereint drei zeitgenössische Choreografien, die sich diesen Spannungsfeldern aus unterschiedlichen Perspektiven begegnen. Mit emotionaler Genauigkeit wird untersucht, wie Zwischenmenschlichkeit wirkt: Im Inneren, im Geflecht sozialer Konstellationen, im Spiel von Verführung und Macht. Der Abend kreist um Unsichtbarkeit, um das Verschwinden von Gewissheiten und um Versuchungen, die zerstören. Musik wird dabei nicht zur Illustration, sondern zum Resonanzraum: Minimalistische Strukturen, fließende Klangflächen und cineastische Spannungsbögen prägen die Atmosphäre. Tanz wird zur Sprache für das, was sich Worten entzieht. Das Ungesagte. Das Verdrängte. Das Gefährliche.
ECHOES OF YOU
Choreografie von Ana Isabel Casquilho
Ein Echo ist kein Wiederholen – es ist eine Verwandlung …
Der ursprüngliche Moment ist vorbei. Hier setzt Ana Isabel Casquilho an. Der Blick richtet sich auf Beziehungen, deren Gewalt unsichtbar bleibt. Nach außen wirkt alles geordnet: Routinen, Gesten, ein scheinbar funktionierender Alltag. Unter der Oberfläche entfaltet sich ein Zustand von Anspannung. Worte tragen Drohung in sich, Nähe wird zur Kontrolle, Zuneigung zur Verunsicherung.
Casquilho interessiert sich nicht für Eskalationen, sondern für das Abwägen, das Schweigen, die Selbstzweifel. Die Frage, ob man überreagiert, wird zur täglichen Begleiterin. Hoffnung und Angst existieren gleichzeitig. Schuld, Scham und Selbstvorwürfe verschieben die Grenzen dessen, was als normal empfunden wird.
Die Musik verstärkt diese Zustände. Werke von Philip Glass, Max Richter und Abel Korzeniowski schaffen einen Klangraum aus Verdichtung und Sog. Minimalistische Strukturen lassen Gedanken kreisen, melodische Fragmente tauchen auf und verschwinden wieder. Nichts löst sich auf. Alles bleibt in Bewegung. Wie ein Echo.
Ana Isabel Casquilho, in Lissabon geboren, hat sich international als Choreografin profiliert, deren Arbeiten psychologische Zustände mit Klarheit und Sensibilität erfassen. Ausgebildet am Nationalen Ballettkonservatorium in Portugal und an der Codarts University of the Arts in Rotterdam, verbindet sie zeitgenössische Tanzsprache mit emotionaler Dramaturgie. Ihre Werke wurden in zahlreichen Ländern gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Jurypreis des Young Choreographers Contest in Biarritz sowie einen Auftrag für das Ballet de l’Opéra National de Bordeaux.
In Echoes of You verdichten sich diese Erfahrungen zu einer Studie über stille Gewalt und ihre Folgen. Das Stück erzählt nicht von einem einzelnen Schicksal, sondern von einem Zustand: von der Unsichtbarkeit psychischen Leidens und von den Spuren, die es hinterlässt. Die Echos bleiben – nicht als Erinnerung, sondern als Teil des Körpers, der Bewegung, der Identität.
vanishing point ii
Choreografie von Young Soon Hue
Man bemerkt es erst, wenn etwas fehlt.
Nähe und Distanz ordnen sich um einen Punkt, der vorausliegt. Er ordnet den Raum, gibt Perspektive und liegt doch jenseits des Greifbaren. Man orientiert sich an ihm, ohne ihn jemals zu erreichen.
In Vanishing Point II wird dieser Gedanke zur choreografischen Metapher. Young Soon Hue untersucht Beziehungen als Konstellationen: Annäherungen und Abstände, Begegnungen und Verluste, Momente von Auflösung. Liebe erscheint nicht als stabiler Zustand, sondern als permanente Veränderung.
Im Zentrum steht das Ensemble als lebendiges Gefüge. Tänzerinnen und Tänzer tragen, stützen und verlieren sich wieder. Individuelle Sehnsüchte treffen auf kollektive Bewegungen. Nähe entsteht und entgleitet. Der Körper wird zum Ort der Suche nach Orientierung – und zum Beweis ihrer Fragilität. Eine Collage aus Musik von Ólafur Arnalds, Luke Howard, Jocelyn Pook, Kerry Muzzey, Max Richter und Hans Zimmer öffnet einen weiten emotionalen Raum. Melancholische Klänge wechseln mit schneidender Dringlichkeit. Die Musik trägt die Bewegung, ohne sie festzulegen, und verstärkt das Gefühl von Übergang und Ungewissheit.
Young Soon Hue bringt in diese Arbeit ihre Erfahrung als Tänzerin und Choreografin ein. Geboren in Südkorea, ausgebildet in Seoul und Monte-Carlo, tanzte sie u. a. beim Ballett Frankfurt, beim Ballett Zürich, in Basel und an der Deutschen Oper am Rhein. Sie kreierte über 50 Ballette und abendfüllende Produktionen, die weltweit gezeigt und vielfach ausgezeichnet wurden. Ihre Arbeiten verbinden klassische Klarheit mit zeitgenössischer Offenheit und stellen den Menschen in den Mittelpunkt.
Vanishing Point II reflektiert Momente unserer Gegenwart: Beschleunigung, Unsicherheit und das Bedürfnis nach Halt in einer Welt, die sich ständig neuformiert. Der Fluchtpunkt bleibt dabei ein Versprechen. Notwendig, um sich zu orientieren, und doch unerreichbar. Beziehung wird zum Impuls.
Dangerous temptations
Choreografie von Alfonso Palencia
Versuchung ist nie harmlos.
Sie lebt von Machtgefällen, von Versprechen und von der Lust, Grenzen zu überschreiten. Wo Verführung zur Strategie wird, verliert Nähe ihre Unschuld. Dangerous Temptations ist Alfonso Palencias zeitgenössische Antwort auf die Gefährlichen Liebschaften von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos. Nicht als literarische Nacherzählung, sondern als Studie über zwischenmenschliche Mechanismen. Im Zentrum steht eine Gesellschaft, in der Gefühle kalkulierbar sind. Liebe wird zur Währung, Intimität zur Verhandlungssache, Vertrauen zur Falle.
Die Figuren bewegen sich in einem Geflecht aus Begehren, Manipulation und Beobachtung. Nichts ist eindeutig, jede Geste doppeldeutig. Briefe, Blicke, Berührungen tragen Bedeutung, verschieben Macht, erzeugen Abhängigkeit. Körper werden zu Spielfiguren in einem System, das Kontrolle verspricht und sie zugleich gefährdet.
Die Musik spannt einen weiten emotionalen Bogen. Werke von Chopin und Mozart verweisen auf klassische Formen von Gefühl und Ordnung, während Kompositionen von Philip Glass, Max Richter, Anne Nikitin und Alex Baranowski diese Ordnung unterwandern. Minimalistische Strukturen und pulsierende Wiederholungen verstärken das Spannungsfeld zwischen Kalkül und Kontrollverlust. Musik wird zum Motor des Geschehens. Sie treibt an, verdichtet, lässt keinen Stillstand zu.
Alfonso Palencia«Mich interessiert nicht die Verführung selbst, sondern der Moment, in dem sie Macht bekommt – und Nähe ihren Preis zahlt. In Dangerous Temptations wird Liebe gefährlich, wenn sie zur Strategie wird. Und Wahrheit erst möglich, wenn Kontrolle endet.»
Was als Spiel beginnt, gerät aus der Balance. Emotionen brechen gegen die Strategie. Liebe wird nicht kontrollierbar, sondern zum Risiko. Unschuldige Figuren werden beschädigt, Beziehungen kippen, Loyalitäten zerfallen. Die Systeme, die auf Manipulation beruhen, beginnen, sich selbst zu zerstören. Wahrheit drängt an die Oberfläche. Nicht als moralische Erlösung, sondern als Konsequenz.
Alfonso Palencia bringt für diese Arbeit seine breite künstlerische Erfahrung mit. Geboren in Valencia, ausgebildet u. a. in Cannes, San Francisco und Hamburg, war er als Solist an bedeutenden Häusern wie dem Gärtnerplatztheater München, der Komischen Oper Berlin und dem Leipziger Ballett engagiert. Er tanzte zentrale Rollen in Werken u. a. von William Forsythe, Jiří Kylián, John Neumeier, Uwe Scholz und George Balanchine. Dies prägt seine Arbeit bis heute.
Seit Beginn seiner choreografischen Laufbahn verbindet Palencia emotionale Direktheit mit struktureller Klarheit. Seine Werke bewegen sich zwischen zeitgenössischer und neoklassizistischer Sprache, getragen von einem Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen. Internationale Gastarbeiten und Auszeichnungen haben diese Handschrift geschärft.
In Dangerous Temptations kommen diese Bewegungen zu einer Reflexion über das Begehren zusammen. Das Stück stellt keine Gegenüberstellungen von Gut und Böse her. Es zeigt vielmehr, wie Verletzung Macht erzeugen kann. Und wie Macht Verletzung reproduziert. Am Ende bleibt keine romantische Erlösung, sondern die Erkenntnis, dass jedes Spiel mit Gefühlen Konsequenzen trägt.
Dangerous Temptations fragt, was von Liebe übrigbleibt, wenn sie instrumentalisiert wird. Und ob Wahrhaftigkeit erst dort möglich wird, wo Macht endet.
Markus Tatzig
Impressum
HERAUSGEBER Stadttheater Bremerhaven
SPIELZEIT 2025/2026, Nr. 17
INTENDANT Lars Tietje
VERWALTUNGSDIREKTORIN Franziska Grevesmühl-von Marcard
GENERALMUSIKDIREKTOR Marc Niemann
REDAKTION Markus Tatzig
QUELLEN
Die Texte «Gefährliche Liebschaften», «Echoes of You», «Vanishing Point II» und «Dangerous Temptations» von Markus Tatzig sind Originalbeiträge für diesen Programmflyer.
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